Schleuderkurse und kulinarische Kulturtechniken: Das Theater Bremen veranstaltet über Ostern ein kleines Tanzfestival

Im Stammbaum ist die Liebe eine Katastrophe

Wohl bekomm‘s: Szene aus der Choreografie „The Kitchen“. ·
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Wohl bekomm‘s: Szene aus der Choreografie „The Kitchen“. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierTanz in Bremen, aber nicht „Tanz Bremen“: Abseits des zweijährlich stattfindenden großen Tanzfestivals startet das Theater Bremen nun über Ostern eine eigene kleine Veranstaltungsreihe.

„Theater Bremen tanzt!“ heißt sie, und wie Intendant Michael Börgerding beteuert, ist sie keinesfalls als Konkurrenz gedacht: „Wenn wir sie überhaupt wiederholen, dann bestimmt nicht im kommenden Jahr, wenn ‚Tanz Bremen‘ ansteht.“

Es ist ohnehin ein übersichtliches Programm, das nun in einem schlichten Faltblatt ausliegt – mehr eine Werkschau als ein Festival. Bestritten wird es ausschließlich von Künstlern des Hauses, wenn man einmal vom Gastspiel der Tanzcompagnie Oldenburg („Das Blaue“ am 28. März) absieht. Die Künstler des Hauses, darunter sind natürlich insbesondere die Spartenleiter Samir Akika und Alexandra Morales sowie die „Artists in Residence“ Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zu verstehen. Als Dritter im Bunde gesellt sich zum Festival nun auch Laurent Chétouane hinzu, wenngleich dieser in Bremen eigentlich für die Oper arbeiten wird.

Mit viel Liebe soll das Festival beginnen, und das ist wörtlich zu verstehen. Denn darum soll es gehen in „Penguins & Pandas“ am 27. März (20 Uhr, Kleines Haus): um jene Kraft, vor der sich Samir Akika so lange gefürchtet hat. „Ich hatte immer Angst, Liebe auf der Bühne zu verhandeln“, erklärt der Choreograf. „Denn es wird so schnell kitschig!“ Für sein choreografisches Liebesdebüt hat er deshalb einen reichlich rationalen Ansatz gewählt: das Studium des eigenen Familienstammbaums. Eine eigenartige Erfahrung sei das gewesen, sagt Akika. Wohin er auch blickte, sah er Scheidungen und frühe Verwitwungen: Katastrophen statt Romantik. Sollte man Liebe also besser sein lassen? Nein, sagt Akika, er glaube weiterhin ganz fest an das Gute in dieser Kraft. Allein: Man müsse lernen, sie zu gebrauchen. „Mathematik lernen wir in der Schule und Physik. Nur das Lieben lernen wir nicht!“

Für „Young & Furious“ hat Akika mit acht jungen Menschen aus Belgien und Deutschland zusammengearbeitet. Herausgekommen ist dabei ein „Schleuderkurs zwischen Sorge, Glück und der Rettung des Planeten“ – zu erleben am 30. (20 Uhr) und 31. März (16 Uhr im Moks). Kollegin Alexandra Morales bittet derweil zu Tisch: Gemeinsames Essen als Kulturtechnik, eingeübt von sechs Tänzern mit sechs auch im realen Leben verschiedenen Essgewohnheiten. „Einer ist radikaler Veganer, ein anderer isst Fast Food, ein dritter ernährt sich nur von der Mikrowelle“, sagt Morales. Was sich daraus ergibt, ist in „The Kitchen“ am 30. März um 18 Uhr, Kleines Haus zu erleben.

Das Duo Gintersdorfer/Klaßen stellt drei Folgen aus „Logobi“ vor (29. März um 20 und 22 Uhr sowie am 30. März um 22 Uhr im Kleinen Haus): jener Reihe, mit der sich die Theaterregisseurin und der bildende Künstler einst in die Tanzszene hineingearbeitet haben. Dabei, berichtet Klaßen, habe am Anfang nur die Idee gestanden, den afrikanischen Tanz wieder zu seinen Wurzeln zurückzuführen. Zu Wurzeln, die durch eine intensive Förderung der zeitgenössischen Bühnenästhetik insbesondere aus Frankreich in Vergessenheit geraten sind. Oder anders: bewusst in die Vergessenheit gedrängt worden sind durch ein überdimensioniertes Fördersystem von postkolonialer Prägung. In der Elfenbeinküste heißen diese Wurzeln „Logobi“ und bestehen aus einem Straßentanz mit spielerischen Elementen abseits der westeuropäischen Bedeutungsmanie.

Gotta Depri, Tänzer aus der Elfenbeinküste, wird neben seinem Auftritt in „Logobi“ auch mit dem Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters Moks in Erscheinung treten. Die gemeinsame Performance „Weiße Magie“ (29. März, 18 Uhr im Moks) ist bereits vor einem Jahr in Bremen uraufgeführt worden. Fünfte Produktion aus dem Hause Gintersdorfer/Klaßen: „Desistieren 4“, am 29. März um 21 Uhr im Foyer des Kleinen Hauses zu erleben.

Laurent Chétouane schließlich, der sich zunächst als Schauspielregisseur einen Namen gemacht hatte, bevor er sich als Choreograf im Tanzbereich (und nun auch in der Oper) profilierte, kommt mit zwei solistischen Arbeiten nach Bremen: „O“, am 28. März um 21 Uhr mit Treffpunkt im Foyer des Kleinen Hauses sowie „Tanzstück#1“, am 1. April um 20 Uhr im Kleinen Haus. Der Inhalt dieser beiden Produktionen hört sich in den Worten von Katinka Deecke nicht eben leicht fasslich an. Im „Tanzstück#1“, erklärt die Festivalkuratorin, gehe es erstens um Heiner Müllers „Bildbeschreibung“ und zweitens um die Frage, was eigentlich ein Körper im Raum überhaupt sei. Und worum geht es in „O“? „O“, sagt Frau Deecke, nehme Bezug auf diese Frage und sei ansonsten: „noch ab strakter“.

Konkret genug dagegen mutet die im Programmfaltblatt bekundete Abgrenzung zum tatsächlichen Konkurrenzprogramm dieser Woche an. Wenn „andernorts in Kirchen gesungen“ werde, heißt es da in irritierend abfälliger Diktion, dann „fangen wir an zu tanzen“. Bleibt zu hoffen, dass diese bemühte Jugendlichkeit nicht stilbildend wird.

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