Wenn die Wahrheit baden geht: Henrik Ibsens „Volksfeind“ trotzt in Oldenburg der Mehrheitsmeinung

Der stärkste Mann steht ganz allein

Brüderliches Teilen auf Stockmann-Art: Badearzt Thomas (Gilbert Mieroph, l.) und Bürgermeister Peter (Bernhard Hackmann).

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Ein guter Theaterspielplan ist wie ein perfekt intonierter Akkord: Nur wenn jede einzelne Note exakt getroffen wird, lassen sich die Obertöne akustisch wahrnehmen. Dem Oldenburgischen Staatstheater ist ein solcher Akkord geglückt. Auf die Tonika „König Ödipus“ zu Beginn der Spielzeit hat man zum Ausklang jetzt mit Henrik Ibsens „Volksfeind“ die Dominante gesetzt. Das Ergebnis: ein drittes Drama, das sich ganz leise von selbst schreibt.

Regisseur Albrecht Hirche hatte im Spätsommer vergangenen Jahres die Geschichte eines Einzelkämpfers erzählt. Es war die Geschichte des König Ödipus: ein zart besaiteter Yuppie, der sich vom Medienprofi Kreon die Gunst des Volkes abspenstig machen lässt. Und es war die Geschichte eines Volkes: eine vergnügungssüchtige Masse, die je nach medialer Großwetterlage mal die „Ödipus“- und mal die „Kreon“-Fähnchen schwenkte.

Bei Jasper Brandis heißt König Ödipus Doktor Thomas Stockmann (Gilbert Mieroph). Er trägt einen unschuldig weißen Anzug wie sein Pendant aus der Antike, ist aber ansonsten das glatte Gegenteil: ein Draufgänger wie Kreon, stürmisch, selbstbewusst. Yuppiehaft erscheint hier jetzt sein Gegner, der Bruder und Bürgermeister Peter Stockmann (Bernhard Hackmann). Und das Volk? Eine vergnügungssüchtige Masse, die je nach medialer Großwetterlage mal diese, mal jene Meinung vertritt.

In einem weißen Haus, dessen wackeligen Wände und Dachteile den Eindruck erwecken, sie könnte jeden Moment wegfliegen, erfreut sich der Badearzt Doktor Stockmann an seiner Entdeckung. Das unter großem Aufwand gebaute Kurbad der Stadt ist mit Bakterien verseucht. Doch Rettung naht: Bad schließen, Wasserleitung sanieren, Bad wieder eröffnen, fertig. Nichts sei größer, ruft der Arzt glücklich, „als wenn man sich um seine Vaterstadt verdient gemacht hat.“ Schon klopfen ihm seine Mitbürger auf die Schulter. Die Presse in Gestalt des nassforschen Lokalredakteurs Hovstad (Klaas Schramm) vom „Volksboten“. Die Steuerzahler in Person des vornehm zurückhaltenden Buchdruckers Aslaksen (Vincent Doddema). Und auch die Familie, zuvörderst Ehefrau Katrine (Caroline Nagel).

Doch dann präsentiert der Bürgermeister die Rechnung. Die Schließung des Bades, die Sanierung der Leitung: Das alles kostet Unsummen, bezahlen müsste der Steuerzahler. Keine gute Nachricht für die feine Gesellschaft. Keine PR-taugliche Geschichte für den „Volksboten“. Der Volksheld wird binnen kurzem zum Volksfeind, genauer: binnen einer Premierenpause.

Zur zweiten Hälfte nämlich bittet Regisseur Brandis sein Bühnenpersonal ins Foyer. Inmitten einer ganz realen Oldenburger Bürgerschaft findet Ibsens Bürgerversammlung jetzt statt. „Ich bin der Meinung, dass bei gewissen lokalen Themen eine Zeitung mit Behutsamkeit vorgehen muss“, ist der Bürgermeister zu vernehmen: Wissendes Gelächter erfüllt das Foyer. „Mangel an Sauerstoff macht gewissenlos“, ruft Doktor Stockmann: „Und es gibt in dieser Stadt anscheinend viele schlecht gelüftete Häuser!“ Noch lauteres, noch wissenderes Gelächter.

Seit langer Zeit verfestigte Missstände der Stadt Oldenburg sind plötzlich mit Händen zu greifen, ohne dass plakative Bezüge oder didaktische Fingerzeige nötig wären. Wenn ein untadeliger Wissenschaftler sich in einem Netzwerk aus Politik und Wirtschaft verfängt, wenn Medien die dazu passende Wohlfühl-Berichterstattung liefern: Dann kommt das alles dem Oldenburger Publikum offenbar bekannt vor.

Am Ende, das Geschehen hat sich längst wieder auf die Bühne verlagert, macht ein von der demokratischen Mehrheit seiner Stadt demontierter, gedemütigter Doktor Stockmann eine Entdeckung: seine zweite an diesem Abend. Diesmal keine Bakterien. Sondern eine Erfahrung. „Der stärkste Mann“, ruft Stockmann zu seiner Frau, die sich mit der gemeinsamen Tochter Petra (Rika Weniger) in den hinteren Bühnenraum verzogen hat: „Der stärkste Mann ist der, der ganz alleine steht!“ Da verlassen Frau und Tochter wortlos den Raum.

Ödipus verlässt die Stätte seiner Schande. Doktor Stockmann wird verlassen. Gegen die Macht der Masse hilft weder Gehen noch Bleiben. Es hilft nur das Mitmachen. Mit dem Strom sehenden Auges in die Katastrophe schwimmen: Das ist das eigentliche Drama, der Oberton dieses dramaturgischen Akkords. Es wird gespielt von einer Politik und Publizistik, die im Angesicht demografisch bedingter Mehrheiten große Teile der Wähler- und Abonnentenschaft von unangenehmen Spardebatten verschont. Und es wird gespielt von Regierungen, die im Wissen um die Bedürfnisse der Masse Wohltaten auf Pump verteilen.

Gilbert Mierophs Doktor Stockmann überzeugt als wuchtiger, sich bedingungslos an die Wahrheit klammernder Idealist. Klaas Schramm vereint in seiner Figur des Redakteurs Hovstad eindrucksvoll den Egoismus, die Verlogenheit, die Feigheit und die Blasiertheit eines von jeglichem Gewissen befreiten Opportunisten. Auf eine ganz und gar unauffällige Weise großartig ist Caroline Nagels Interpretation der Stockmann-Gattin Katrine: Selbst im Moment der größten Bewunderung scheint bereits ihre innere Distanzierung von diesem gefährlich streitlustigen Ehemann durch. Eine schlüssige, in vielen Details durchdachte Ensembleleistung – wieder einmal.

Einzelne Inszenierungserfolge hat nahezu jedes Theater vorzuweisen. Die künstlerische Arbeit einer Intendanz bemisst sich vielmehr an der Ausbildung eines Stils. In Oldenburg ist dieser so kenntlich geworden wie an keiner anderen Bühne im Norden der Republik.

Weitere Vorstellungen: am 10. und 20. Juni, jeweils um 20 Uhr.

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