Schwarm-Erinnerung

Städtische Galerie zeigt 13 Positionen für den Bremer Förderpreis

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An die dunklen Dinge erinnern wir uns nur ungern: eine Seite aus einem Künstlerbuch von Matthias Ruthenberg.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Normalerweise ist es hier stockdunkel. Nur Baustrahler und das Licht aus dem ersten Stock sorgen dafür, dass der Besucher überhaupt den Weg zur Treppe findet. Nun gibt es Tageslicht im Foyer der Städtischen Galerie. Die Fenster sind wieder offen und ermöglichen so den Blick auf die besondere Architektur – und die Arbeit von David Hepp.

Hepp ist einer von 13 Künstlern, die es in diesem Jahr in die Ausstellung zum Bremer Förderpreis für Bildende Kunst in der Städtischen Galerie geschafft haben. Die Auszeichnung wird bereits zum 41. Mal vergeben und rückt eine Position junger Bremer Kunst besonders in den Vordergrund. Doch nicht nur das: Der Preisträger erhält außerdem 6 000 Euro, einen Katalog für 3 000 Euro und eine Einzelausstellung.

Unter den ab morgen gezeigten 13 Positionen finden sich etliche, die mit der Städtischen Galerie selbst arbeiten und den Raum zum Teil des Werks machen. Dazu zählt auch David Hepp, der im Foyer fünf Glasvitrinen platziert hat, in denen jeweils vier kleine bunte Türme aus Montageplättchen liegen. 

Deutliche Referenz an Minimal Art

Sowohl Vitrinen als auch Türmchen, die jeweils eine Flucht bilden, werden hier zu Skulpturen – mit einer deutlichen Referenz an die Minimal Art. Und obwohl die Arbeit das Foyer deutlich dominiert, lässt sie dann doch wieder Platz für die besondere Architektur des Gebäudes. Eine Architektur, die zumindest im Foyer zehn Jahre lang hinter Folie, Wänden und Brettern versteckt war.

Auf eine andere Art dominierend ist die Arbeit von Pia Pollmanns. Ausgehend vom autobiografischen Bericht ihrer Großmutter, in dem diese unter anderem auf die Flucht aus dem früheren Schlesien zum Ende des Zweiten Weltkriegs eingeht, hat sich Pollmanns in Polen auf die fotografische Suche nach ihren Wurzeln gemacht. In der Städtischen Galerie dient ein großformatiges Foto des Elternhauses ihrer Großmutter als visueller Anker für die Lebensgeschichte einer Frau, die für den Betrachter unsichtbar bleibt. 

Erinnerungen an Verlust und Flucht

Dass wir dennoch einen Eindruck von ihren Gedanken, Gefühlen und Träumen bekommen, liegt an einer Tonspur. Dort liest eine Männerstimme die Erinnerungen vor: 40 Minuten lang, in einem endlos dauernden Loop. Mitunter fast schon lapidar ist da vom Verlust die Rede, von der hektischen Betriebsamkeit vor der Flucht. Und während man auf das alte Haus blickt, ist man plötzlich mittendrin und wird vom unbeteiligten Beobachter zum Familienmitglied – gelebte Erinnerungskultur.

Welche Auswirkungen Krieg haben kann, zeigt sich auch im Werk von Zainab Haidary. Es trägt den Titel „Speculator“ und arbeitet mit einem Teil der Städtischen Galerie, der sonst nicht so oft zu sehen ist: dem Magazin, genauer gesagt den dort eingelagerten Kunstwerken. Diese dienen Haidary als unsichtbare Monumente für alle jene amerikanischen Soldaten, die in den Kriegen in Afghanistan und dem Irak gefallen sind – 6 934 an der Zahl.

Künstlerin zeigt Kriegsgründe als Lügenkonstrukte

Da das Magazin nicht in den Ausstellungsraum geholt werden kann, hat die Künstlerin für jeden Toten ein kleines weißes Fähnchen in die Wand gesteckt. Herausgekommen ist so ein Schwarm, der aus der Ferne wie ein Gemälde wirkt – und denkbar zynisch ist. Nicht nur, weil dieses Mahnmal deutlich macht, dass es doch eigentlich Denkmäler für die Millionen von Zivilisten geben müsste, die aufgrund der Kriege gestorben sind. 

Außerdem assoziiert der Betrachter die weißen Fahnen mit Aufgeben, ja sogar Scheitern. Gepaart mit einer Textsammlung von kurzen Sätzen zum amerikanisch-westlichen Moraldiskurs zeigt die afghanische Künstlerin noch einmal glasklar das Lügenkonstrukt auf, auf dem die Kriege im Irak und Afghanistan aufgebaut waren – und wer am Ende den Preis für sie zahlen musste.

Ausstellung noch bis zum 15. April

Den Förderpreis hat am Ende aber ein anderer gewonnen: Matthias Ruthenberg. Er zeigt zwölf gezeichnete Künstlerbücher, die nur mit weißen Handschuhen angefasst werden dürfen – Erinnerungen sind schließlich empfindlich. Es sind selbstgebundene kleine Sammlungen humorvoller Kommentare, die ein wenig an Joseph Beuys erinnern und oft mit Zeichnungen verbunden sind. So auch eine Seite, die ein Gebäude zeigt, unter dem folgender Satz prangt: „Ich möchte mich nur an die halbe Schule erinnern.“ 

Ruthenberg nimmt das wörtlich, zeichnet auch nur die halbe Schule und verweist so ganz subtil darauf, dass wir uns am Ende eben immer nur an die schönen Dinge erinnern – und damit vermutlich die halbe Schulzeit in den dunklen Ecken unseres Gedächtnisses begraben haben. Ein eindrucksvoller Verweis auf eine Erinnerungskultur, die ebenso klar wie menschlich ist – und erschreckend einfach.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. April in der Städtischen Galerie zu sehen.

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