Die Städtische Galerie Bremen erinnert an Robert van de Laar

Kein Entrinnen vor dem Schrecken

Das hinterm Vorhang sieht man nicht: Robert van de Laar: „Erscheinen/Verschwinden“ (2012)
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Das hinterm Vorhang sieht man nicht: Robert van de Laar: „Erscheinen/Verschwinden“ (2012)

Bremen - Von Mareike Bannasch. Eigentlich sollte die aktuelle Schau in der Städtischen Galerie eine Momentaufnahme werden. Die Zwischenbilanz eines Künstlers, der noch lange nicht am Ende ist. Doch dann starb Robert van de Laar überraschend im Oktober vergangenen Jahres, inmitten der Vorbereitungen für seine Ausstellung. Der Künstler, der sich so oft mit der Vergänglichkeit beschäftigte – von der eigenen Vergänglichkeit geschlagen.

Der plötzliche Tod hätte nun alles verändern, sogar zur Absage der Schau führen können. Doch nicht bei van de Laar. Für ihn springen nun all jene ein, die der Bremer Künstler in seinem Leben beeinflusste – Freunde, Bekannte, Schüler. Und entwickeln aus einer Momentaufnahme eine so eindrucksvolle wie liebevolle Retrospektive.

Ausgehend vom Werk des ehemaligen Professors an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg stehen in den Räumen der Städtischen Galerie ältere Arbeiten direkt neben kurz vor seinem Tod hergestellten Positionen. Werke, die immer wieder vom großen Bekanntenkreis des Bremer Künstlers profitieren, wie die Installation „Schrecken“. Auf sieben Projektionsscheiben sind zwanzig kurze Filme zu sehen. Verstreut leuchten die Freunde van de Laars im Dunkeln des Raums auf – und erschrecken sich. Allerdings nicht nach einer bestimmten Vorgabe oder aufgrund eines Impulses. Jeder Abgebildete hat entschieden, wann und wie er erschrickt. Herauskommen ist ein Gruselkabinett der besonderen Art, dem sich der Betrachter nicht entziehen kann. Egal wohin er sich wendet: Schreckensschreie und verzerrte Gesichter sind überall – rechts, links, vorn, hinten. Vor dem Schrecken, und sei er nachgestellt, gibt es kein Entrinnen. Es mutet wie eine Metapher auf unsere Zeit an: Egal wie viele Schreckensmeldungen uns erreichen, wie oft wir auch Bilder wie die von den Anschlägen in Paris sehen, wir können uns nicht wappnen. Der Schrecken verliert seine Wucht nie. Es bleibt nur die Möglichkeit, uns damit zu arrangieren, wissend, dass es nächstes Mal genauso unerträglich sein wird.

Der Horror ist eine Art Bindeglied der Ausstellung „Robert van de Laar – unverzüglich zuwarten“. So ist er auch in der Vitrinenarbeit „Verschwinden/Erscheinen“ Thema, in der ein simpler grauer Vorhang zu sehen ist. Ellipsenförmig füllt er den Glaskasten, von einer Lichtleiste erhellt. Auf den ersten Blick hängt er da und bewahrt ein Geheimnis vor neugierigen Blicken. Doch plötzlich: eine Bewegung, wellenartig stößt der Stoff nach vorn. Etwas in seinem Inneren will sich befreien, schlägt immer wieder gegen das glänzende Grau – und kann doch nie entkommen. Obwohl es keinen Hinweis darauf gibt, dass hinter dem Vorhang etwas zu sehen wäre, macht sich Unbehagen breit. Der von Horrorfilmen aufs Erschrecken konditionierte Geist erwartet förmlich, dass etwas Schreckliches passiert. Das tut es zwar nicht, aber allein das „Was wäre wenn“ korrespondiert wunderbar mit den Schreien der sich nebenan Erschreckenden und spielt mit der Vorstellungskraft.

Diese feine Ironie zeigt sich auch in der Installation „Once upon a time“. Mitten im Raum sitzt ein kleiner, eigentlich ziemlich niedlicher Fuchs, ein Fundstück vom Flohmarkt, auf dem Robert van de Laar viele Materialien für seine Arbeiten fand. Doch das Tier hüpft längst nicht mehr über Felder oder taugt zum Fabelwesen. Es sitzt da, ausgestopft, vollständig vorhanden, aber trotzdem nur noch Staubfänger – während neben ihm ein Mantel ausgebreitet ist, wie ihn heute nur noch ältere Damen tragen. Winterkleidung aus Fuchsfell ist wirklich nicht mehr angesagt. Besonders, wenn sie sich bewegt. Dank Bewegungsmelder hebt und senkt sich der Mantel, als atmete er. Ein Kniff, der im Syker Vorwerk, wo die Arbeit zuletzt zu sehen war, für den einen oder anderen Schreckensschrei sorgte. In der Städtischen Galerie bildet sich eher ein Lebenskreislauf in diesen beiden Kuriositäten ab. Mag das Leben des Fuchses zu Ende sein, existiert er doch als Mantel weiter. Natürlich kann der nicht atmen, aber der Mensch, der sich das Ungetüm aus rotem Fell überwirft und dem Tod des Tieres so fast einen Sinn gibt – zumindest, wenn er kein Mitglied von Peta ist.

Eine Vergänglichkeit, die nicht im Nichts endet, aus der etwas Neues entsteht: Ein Gedanke, den van de Laar beim Konzipieren der Schau nicht im Kopf gehabt haben mag, der nach dem Rundgang aber nicht von der Hand zu weisen ist. Und so noch dem Tod Tröstliches abzuringen vermag.

„Robert van de Laar – unverzüglich zuwarten“, 21. Februar bis 3. April, Städtische Galerie Bremen.

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