Galerie für Fotografie in Hannover zeigt „Schöne neue Welt“ von Jürgen Strasser

Städte wie gemalt

„Ruinen der Zukunft“: Jürgen Strassers Blick auf Kairo.
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„Ruinen der Zukunft“: Jürgen Strassers Blick auf Kairo.

Hannover – „Als wäre man schon einmal dort gewesen“, sagt Rem Koolhaas. „War man aber nicht. Es sind all die vertrauten Bausteine, die immer wieder neu zusammengestellt werden.“ Es hat seine Gründe, dass dieses Zitat des berühmten Architekten so ziemlich das erste ist, was der Besucher der Galerie für Fotografie in der Eisfabrik zu Gesicht bekommt. Die Ausstellung von Jürgen Strasser ist überwältigend, sie macht aber auch Angst. Gleichwohl sollte man sich voll darauf einlassen, erweist sich doch der einigermaßen abgedroschene Titel „Schöne neue Welt“ als einziges echtes Manko der Schau.

Urbane Impressionen zeigt der Fotograf, der in Wiesbaden und Worpswede lebt, genauer gesagt Szenen aus den Mega-Metropolen mit ihren monströsen Gebäuden und Straßenführungen. Und der Kunstgriff, die Aufnahmen nicht zu beschildern, trifft voll den Punkt. Vielleicht kennt man die eine oder andere Szenerie aus eigener Anschauung, im Einzelfall geben Schriftzeichen auf den Gebäuden eine bestimmte Richtung vor, und schließlich ist der entsprechenden Buchpublikation zu entnehmen, ob jeweils nun Hongkong oder Tokio, Dubai oder Kairo, Schanghai oder New York abgelichtet ist – aber das spielt gar keine entscheidende Rolle.

Denn letztlich geht es gerade um die Gleichförmigkeit, um die „vertrauten Bausteine“, von denen Koolhaas spricht und die sich offenbar überall auf der Welt breitmachen. Seit wann diese Tendenz absehbar war? Der studierte Soziologe Strasser zitiert auch Thomas Morus: „Wer eine Stadt kennt, kennt die anderen alle, so ähnlich sind sie untereinander, sofern nicht der Charakter der Örtlichkeit eine Änderung bedingt“, hat der in seinem Roman „Utopia“ geschrieben. Vor etwas mehr als 500 Jahren.

Das wäre schon interessant genug. Doch zusätzlich bekommt die Frage „Dokumentation oder Kunst?“, die seit Langem die Geschichte der Fotografie begleitet hat, bei Strasser eine völlig neue Dimension. Seine Bilder bestechen in inhaltlicher wie formaler Sicht gleichermaßen. Natürlich ist es spannend, wenn da etwa auf ein und derselben Fotografie Schrottszenerien und schicke Wolkenkratzer befremdliche Kontraste bilden oder Menschenmassen in die ohnehin schon übervolle Bahn drängen. Aber der Fotograf hat auch ein hervorragendes Auge für Linien, Perspektiven, Farben. Manche Aufnahmen wirken wie gemalt.

Das kommt besonders gut auf der Empore der Galerie zur Geltung, wo Bilder von Fassaden mit unzähligen Mini-Appartements zu sehen sind. Von Weitem ähneln sie Reißverschlüssen, beim Nähertreten werden wunderbare Details offenbar, wenn beispielsweise ein winziges rosa Wäschestück den einzigen Farbtupfer in der Darstellung bildet. Bei Strasser kann sogar eine Aufnahme von Klingelschildern interessant werden – wo sie entstanden sein mag, ist angesichts der international anmutenden Mischung von Namen kaum zu entschlüsseln.

Nicht zuletzt ist die Ausstellung großartig gehängt. Es wechseln Groß- und Kleinformate ebenso wie Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen, zuweilen tanzen einzelne Bilder buchstäblich aus der Reihe. So hat die Schau etwas von einer Installation an sich.

Schöne neue Welt? Eine gewisse Ästhetik ist so manchem Stadtbild nicht abzusprechen. Aber irgendwo liegt stets der Größenwahn auf der Lauer, und überhaupt sollte man das Zitat von Walter Ludin bedenken, das im Begleitbuch abgedruckt ist: „Wir bauen die Ruinen der Zukunft“.

Sehen

Bis 11. Oktober, Galerie für Fotografie, Eisfabrik, Hannover.

Von Jörg Worat

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