Stadttheater Bremerhaven zeigt „Bluthochzeit“ von Szándor Szokolay

Tödliche Hängepartie

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Schon reichlich abgehangen? Von wegen! Szándor Szokolays Oper „Bluthochzeit“ – hier mit Leonardo (Filippo Bettoschi, l.), Mond (Thomas Burger, M.) und Bräutigam (Tobias Haaks, r.) – kann in Bremerhaven überzeugen.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Als 2013 an den Wuppertaler Bühnen Wolfgang Fortners 1957 entstandene Oper „Bluthochzeit“ mit überragendem Erfolg aufgeführt wurde, erinnerte man sich an einen großen Komponisten, der in das avantgardistische Denken der sechziger und siebziger Jahre nicht so recht mehr passen wollte.

Obsolet geworden war die gute alte Literaturoper ebenso wie der Stil einer nachexpressionistischen Ausdrucksmusik. Dass sich das zur Zeit wieder zu ändern scheint, beweist nicht nur die Wiederkehr vergessener Opern – wie zum Beispiel „Juliette“ von Bohuslav Martinu (1938) – es beweist auch, dass das Publikum die Musik vorurteilsfreier zu hören bereit ist. Das ist jetzt zu erleben in Bremerhaven. Dort hat man die 1962-64 entstandene Oper „Bluthochzeit“ des ungarischen Komponisten Sándor Szokolay ausgegraben und in der Inszenierung von Andrzej Woron und der musikalischen Einstudierung von Marc Niemann zu einer bedeutenden Aufführung geformt.

Wie Fortners Werk liegt der Oper die lyrische Tragödie „Bluthochzeit“ von Federico Garciá Lorca zugrunde. Das Sujet stammt aus den archaisch anmutenden Zeiten der Blutrache. Mütter spielen eine herausragende und bedrohliche Rolle und in der Bluthochzeit gibt es gleich zwei davon: die Mutter des Bräutigams, der eine Frau heiraten will, die eigentlich einen anderen – Fernando – liebt, mit dem sie vor Jahren einmal verlobt war. Doch auch Fernando, ebenso bewacht von seiner strickenden Mutter, ist inzwischen verheiratet und in Erwartung seines zweiten Kindes, hat seine alte Liebe nicht vergessen. An der Hochzeit entführt er die Braut, sie werden im Wald gefunden, die Männer duellieren sich und sterben beide. „Kein Weg führt uns weiter“, resigniert Fernando.

Vom ersten rhythmusgewaltigen Tableau an fasziniert diese Musik, die natürlich ihre Väter Belá Bartók und Igor Strawinsky nicht verleugnen kann, aber doch ganz eigen ist – eigen in ihrem instrumentalen, grell-traumhaften Kolorit und in permanenter Komplexität von geschichteten Rhythmen, eigen in der Verwendung von folkloristischen, aber auch ganz archaischen Tönen (dies besonders im Duellbild). Niemann arbeitet das mit dem gut folgenden Orchester mitreißend aus. Man staunt nicht selten darüber, dass sich diese orchestrale Dauererregung – mit dem Höhepunkt im vierten Bild, der Hochzeit – nicht erschöpft, sondern mit immer neuen Einfällen immer frisch zu bleiben scheint und enorm kurzweilig ist.

Dass es auch Ausstattungsglück gab, war von Woron zu erwarten. Die Basis dieser Inszenierung sind exakt gearbeitete Emotionsprofile, mit denen Yamina Maamar (Braut), Beate Maria Vorwerk (Mutter), Annabelle Pichler (Frau von Leonanrdo), Regine Sturm (Dienstmädchen), Tobias Haaks (Bräutigam) und Filippo Bettoschi (Leonardo) glaubwürdig und ohne aufgesetzten Gefühle klar kamen Die sängerischen Anforderungen sind groß und werden souverän bewältigt. Diese Emotionen setzt Woron in seine klaren Bühnenbilder voller drastischer, aber nie überzogener Einfälle: das spießige Zimmer Leonardos, die Höhle, in der die Braut mit ihrem Vater lebt, das kleine Zimmerchen der Mutter, wenn die hinter ihrem gestickten Vorhang die Welt belauert, die choreographisch sich bewegenden Holzfäller und vor allem die Masken des Todes (eine gütige Harz-IV-Bettlerin) und des Mondes, ein weiß gekleideter Clown: Svetlana Smolentsewa und Thomas Burger spielen herrlich ihre gemeinsame Sache, wenn sie „nach heißem Blut“ verlangen. Ein großes Bild auch der Zweikampf der Männer mit geradezu sensationeller Musik: Sie sind aufgehängt und werden in der Luft aufeinander losgelassen.

Die nächsten Aufführungen sind am 19. und 27.3., am 1. und 18.4. und am 2.5.

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