Oldenburgisches Staatstheater versucht sich an Aufarbeitung der Klinikmorde

Die Stadt und der Mörder

Wie umgehen mit dem Trauma? Thomas Lichtenstein auf der Treppe; Bild unten: Caroline Nagel (v. l.), Klaas Schramm, Nientje C. Schwabe und Lichtenstein setzen sich mit den Klinikmorden in Delmenhorst und Oldenburg auseinander. Foto: Stephan Walzl
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Wie umgehen mit dem Trauma? Thomas Lichtenstein auf der Treppe.

Oldenburg - Der Name fällt dann doch, auch wenn es in dem Theaterstück „Überleben“ von der Göttinger Truppe „werkgruppe2“ mit Schauspielern des Staatstheaters in Oldenburg gerade nicht so sehr um ihn gehen soll. Sondern um die Opfer. Und das sind dann doch noch einmal deutlich mehr als die 85 Menschen, die das Landgericht Oldenburg Niels Högel im vergangenen Jahr nachgewiesen hat. Von mindestens 200 Todesopfern ist im Stück die Rede. Und dann sind da nicht nur deren Angehörige und Freunde. Sondern auch noch jene, die Högels Aktivitäten überlebt haben. Der langjährige Krankenpfleger hatte seinen Opfern bekanntlich Medikamente gegeben, um sie anschließend wiederbeleben zu können.

Als am Wochenende „Überleben“ am Oldenburgischen Staatstheater zur Premiere kommt, lässt sich die Dimension der Taten Högels erahnen – und wie tief sie in die gesellschaft einer Stadt wie Oldenburg hineinstrahlen mögen: Ungewöhnlich häufig stehen Zuschauer während der Vorstellung auf und verlassen den Saal des Kleinen Hauses. Vor und nach der Vorstellung ist Betroffenheit in etlichen Gesichtern zu lesen. Und während das im Sommer verkündete Urteil gegen Högel noch in die Revision geht, stellt „Überleben“ die Frage, wie die Gesellschaft diesseits des Rechts mit den Erschütterungen umgehen kann, die aus der beispiellosen Mordserie folgen.

Ob diese Frage überhaupt an der Zeit ist, das wurde im Vorfeld durchaus bezweifelt. Im Programmheft zu „Überleben“ wird der zuständige Dramaturg Marc-Oliver Krampe unter anderem mit dem Satz zitiert: „Dass wir als Theater uns damit befassen, das fanden irgendwie alle ganz blöd am Anfang.“ Silke Merzhäuser, Dramaturgin der „werkgruppe2“, hatte der Deutschen Presse-Agentur im Vorfeld gesagt: „Wir haben gemerkt, wie viele Wunden da noch offen sind.“ Viele Taten liegen schließlich mehr als 20 Jahre zurück. Wie überhaupt die Dauer so eine Sache ist. Aber dazu später.

Der Text von „Überleben“ setzt sich hauptsächlich aus Interviews zusammen, die das „werkgruppe2“-Team mit Angehörigen, Betroffenen, Pflegern und Fachleuten geführt hat, weitestgehend anonymisiert, von den Oldenburger Schauspielern Klaas Schramm, Nientje C. Schwabe und Kammerschauspieler Thomas Lichtenstein mit großem Fingerspitzengefühl anverwandelt. Bevor die Schauspieler aber die dokumentarischen Texte auf die Bühne bringen, bringt die Regie sie ins Gespräch – miteinander, aber vor allem mit dem Publikum. Es geht nämlich eben nicht darum, sich an Niels Högel abzuarbeiten. Auch nicht darum, welche Motive er hatte. Und ihn zu verurteilen – das ist nach wie vor Sache der Gerichte. Wie aber die Gesellschaft mit dem wegen des Zeitraums und der ja tatsächlich beispiellosen Opferzahl eigentümlich ungreifbaren Geschehen umgehen könnte, dafür gibt es kein Rezept.

Caroline Nagel (v. l.), Klaas Schramm, Nientje C. Schwabe und Lichtenstein setzen sich mit den Klinikmorden in Delmenhorst und Oldenburg auseinander.

Dass das Publikum hier nicht nur gehört wird, sondern Teil des Geschehens ist, ist einerseits eingehegt von einer Gesamtdramaturgie; es dürfte vermutlich nicht dazu kommen, dass die auch im Verlauf des Abends immer wieder eröffneten Einladungen zum Gespräch zum Beispiel darüber, wie ein Gedenken eigentlich aussehen könnte, den Fortgang des Stücks verhindern. Aber auch so wird das Theater zum Ort der Auseinandersetzung mit Themen, die das Publikummehr oder minder unmittelbar betreffen, ihm auf der Seele brennen. Was die angedeutete Kontroverse um das Vorhaben freilich nur unterstreicht.

Dabei ist „Überleben“ zwar ein dokumentarisches Stück. Aber es ist zugleich höchst kunstvoll gewebt. Der rätselhafte Turm in der Bühnenmitte ist ein allerdings wenig wohnlicher Begegnungsraum, und wenn er sich immer schneller zu drehen beginnt, geraten die, die sich darin begegnen in Gefahr, den Halt zu verlieren. Und die Musik des Bläser-Trios (Stephan Meinberg, Jakob Rubin, Jan Schreiner) gibt dem Dialog einen geradezu spirituellen Hallraum.

Nicht alle Einwände gegen das Projekt sind verstummt. Die Uraufführung erntete derweil langen, innigen Beifall.

Die nächsten Termine

Morgen, 20 Uhr sowie 13. März, 21. März, 4. April, 17. April, 24. April, 16. Mai, jeweils 20 Uhr, weitere Termine im Internet: www.staatstheater.de

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