Staatstheater Oldenburg zeigt „Brundibár“

Gemeinsam gegen den Terror

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Praktische Solidarität: Lara Hübner (v.l.), Madita Wilkens, Jette Lüttmann, Jakob Dietz und Constantin Firmbach in „Brundibár“. 

Oldenburg - Von Rolf Stein. Nein, auch wenn es mancherorts geschrieben steht: Im Konzentrationslager Theresienstadt ist „Brundibár“ nicht entstanden. Hans Krása hatte die Kinderoper schon 1938 mit dem Librettisten Adolf Hoffmeister geschrieben, für einen Wettbewerb des tschechoslowakischen Kulturministeriums. Der deutsche Einmarsch im folgenden Frühjahr verhinderte zunächst die Uraufführung, die dann 1941 im Geheimen, aber nicht im Getto erfolgte. Krása war nämlich Jude und durfte deshalb nicht am kulturellen Leben teilnehmen.

Im August 1942 wurde der Komponist nach Theresienstadt deportiert, wo er das Werk neu instrumentierte und schließlich mit Bewohnern des Lagers zur Aufführung brachte. Mehr als 50 Aufführungen erlebte „Brundibár“ in den Jahren 1943 und 1944, für den nicht fertiggestellten NS-Propaganda-Film „Theresienstadt - ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ wurde die Oper auch gefilmt. Theresienstadt sollte der Welt beweisen, dass es den deportierten Juden so schlecht nicht ging. Ende 1944 war Schluss mit „Brundibár“ im Lager, nachdem schon vorher immer wieder Rollen neu besetzt werden mussten, weil Kinder in Vernichtungslager gebracht wurden.

Ein Großteil der Bewohner Theresienstadts, darunter Krása, wurde nach Auschwitz deportiert. Von den 15 000 Kindern des Lagers erlebten nur 250 die Befreiung. So steht es im Programmheft der Oldenburger Inszenierung, die am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in der Exerzierhalle Premiere feierte.

Da „Brundibár“ selbst nur etwa 35 Minuten lang ist, wird sie in der Regel heute um theatrales oder musikalisches Material ergänzt. Der musikalische Leiter Thomas Honickel und Regisseur Jens Kerbel haben für die Oldenburger Fassung zum einen Wilfried Hillers Liederzyklus „Theresienstädter Tagebuch“ herangezogen, zum zweiten mit dem jungen Ensemble Textmaterial erarbeitet, in dem das schwer Begreifliche, das in „Brundibár“ immer mitschwingt, zumindest annähernd zu fassen ist.

Dass darüber die Geschichte selbst in dieser Inszenierung die Ambivalenz zwischen märchenhafter Leichtigkeit im Schatten des Terrors und einer sanft subversiven Botschaft von der Macht des Kollektivs subtil austariert, macht den Oldenburger „Brundibár“ zu einem bewegenden Erlebnis.

Der Aufstand der Kinder und Tiere gegen Brundibár, der mit seinem Leierkasten ein Monopol auf das Unterhaltungsgeschäft auf dem Markt hat, wo Aninka und Pepícek Milch für ihre kranke Mutter besorgen wollen, war natürlich vor der Kulisse eines Konzentrationslagers alles andere als ein romantisches Freundschaftsideal, sondern hatte eine existenzielle Dimension.

In Oldenburg wird dieser Gedanke übrigens noch kühn erweitert: Am Ende wird Brundibár sogar verziehen. Was vielleicht doch ein wenig leichtfertig ist - gilt diese Figur doch als recht unzweideutige Parodie auf Adolf Hitler.

Weitere Vorstellungen:

Derzeit ausverkauft sind die Aufführungen am Sonnabend, 16 Uhr, Sonntag, 11.30 Uhr und am Sonnabend, 9. Februar, 16 Uhr; Karten gibt es noch für Sonntag, 10. Februar, 11.30 Uhr sowie für die Vorstellungen am Sonntag, 17. Februar, 11.30 Uhrund 16 Uhr; Exerzierhalle, Oldenburg.

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