Politik auf der Deichkrone 

Staatsministerin für Kultur und Medien auf Besuch in Bremen

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Zusammengerückt: Gruppenbild mit Ministerin.

Bremen - „Wir müssen zusammenrücken!“, ruft Monika Grütters. In dem Moment geht es nicht um die allgemeine Großlage, sondern um ein Gruppenfoto. Auf dem kommt allerdings immerhin zusammen, was durchaus unterschiedliche Interessen verfolgt. Auf dem Deich, hinter der Städtischen Galerie sollen nicht nur die Staatsministerin für Kultur und Medien mitsamt Mitarbeitern, sondern auch Intendanten, Dramaturgen, Regisseure und Journalisten beieinander stehen. Und natürlich ist das so ein Politikersatz zum Mitschreiben für Journalisten.

Im Bus ist die Gruppe aus Hannover angereist, gestern ging es weiter nach Rendsbrug. Es ist die dritte Theaterreise, die Grütters unternimmt. Die erste führte sie nach Mannheim, Mülheim an der Ruhr und Bonn, die zweite ging nach Chemnitz, Halle, Jena und Senftenberg. Und natürlich ist das keine Lustreise. In Ostdeutschland ging es vor drei Jahren um die Funktion der Stadt- und Staatstheater im öffentlichen Diskurs, auch schon um Anfeindungen und Angriffe von rechts. Um Geschlechtergerechtigkeit geht es in Bremen – und um das Verhältnis zwischen Stadttheater und freier Szene.

Zu dem Reisetross stoßen weitere Theaterleute: Pirkko Husemann, Leiterin der Schwankhalle, begrüßt unter anderem Michael Börgerding, Intendant am Theater Bremen, Marc-Oliver Krampe, Dramaturg am Oldenburgischen Staatstheater, Thorleifur Örn Arnarsson, Schauspieldirektor an der Berliner Volksbühne, Alexander Giesche, vor einigen Jahren als Regisseur fest in Bremen und jetzt einer von acht Hausregisseuren in Zürich, und noch eine Reihe mehr. Die Diskussion ist engagiert, aber sachlich, kein Schaulaufen. Vielleicht auch, weil die Veranstaltung nicht öffentlich ist, auch wenn die Presse dabei ist.

Grütters erweist sich als gut informiert und schlagfertig. Empfiehl das „Zeit“-Magazin, wo eine Grafik über Geburtsorte und Wirkungsstätten deutscher Intendanten Aufschluss gibt, garniert mit dem Faktum, dass nur vier der 30 beliebtesten deutschen Stadt- und Staatstheater von Frauen geleitet werden. Von Marc-Oliver Krampe kommt der Hinweis, dass es in der Diskussion auch um andere Formen sexueller Orientierung gehen könnte, die quer zu patriarchalen Strukturen stehen und womöglich auch andere Formen der Kommunikation mit sich bringen.

Etwas weniger fokussiert gestaltet sich die Debatte am Nachmittag. Vielleicht gerade weil die Grenzen zwischen den großen Häusern und den freien Gruppen zumindest in den Großstädten längst porös geworden sind. Grütters scheint mit anderen Dingen beschäftigt. Ansonsten besteht Einigkeit darüber, dass prekäre Arbeitsverhältnisse immer Mist sind. Wie man sie aber vermeiden kann, bleibt unklar. In Bremen warten nicht zuletzt die Kultureinrichtungen auf den nächsten Doppelhaushalt. Und vielleicht, auch das ist vielleicht eine nicht so schöne Warheit, wird auch einfach zu viel ausgebildet, um allen Absolventen der Theaterakademien ein Einkommen zu ermöglichen. Das vermutet zumindest Michael Börgerding.

Nach einer kleinen Führung um die Schwankhalle herum mit Abstecher zum Deich, wo ein paar Gruppenfotos entstehen – die vom mitreisenden Social-Media-Team flugs in die Welt gezwitschert werden – geht es zum Abendessen, danach steht ein Probenbesuch bei der Gruppe Thermoboy auf dem Programm, die in der Schwankhalle ihren „Karneval der Tiere“ probt. Produziert wird in Bremen, die Premiere ist in Berlin. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Produktion von der Hauptstadt nicht gefördert wird.

Da müsse sie gleich Klaus fragen, wie das denn sein könne. Klaus, das weiß hier jeder, ist natürlich Klaus Lederer, Berliner Bürgermeister und Kultursenator. Natürlich weiß jeder, dass kein Politikversagen vorliegt. Aber es macht sich gut, dieses ironisch Zupackende. Am Rand sorgt Grütters für ein paar prägnante Bilder. Wahrscheinlich geht einem das in Fleisch und Blut über, wenn man so lange Politik macht.

Nach einem langen Tag mit viel Gesprächsstoff darf die Gruppe noch bei Mbene Mbunga Mwambene zuschauen, der für drei Abende mit seinem Stück „The Whispers“ in der Schwankhalle gastiert. Ob er mit seinem Stück auch in Berlin auftrete, fragt Grütters. Er habe ein paar Hundert E-Mails geschrieben, aber ohne Erfolg, sagt Mwambene. Der Gag mit Klaus ist durch. Aber für ein Foto mit dem Künstler und Schwankhallen-Chefin Husemann ist noch Zeit. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Rendsburg, da geht es um Theater in der Provinz.

Und es könnte schon sein, dass nach dieser Theaterreise mehr bleibt als ein paar schöne Bilder. Die Begegnungen und der informelle Austausch über Landesgrenzen und Sparten scheinen den Theatermacher gut zu tun. Und auch wenn Kulturpolitik dann doch nicht per SMS an Klaus gemacht wird, ist es wohl doch gut, wenn da in Berlin jemand sitzt, der sich nicht nur für Theater interessiert, sondern auch etwas davon versteht.

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