Bremer Komponist analysiert Beitrag

S!sters beim ESC: Im deutschen Song „liegt Spannung“

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Zwei müde Gestalten: Carlotta Truman (l.) und Laurita Spinelli bei der Probe für ihren ESC-Auftritt.

Bremen - Sie wurden eigens für den Eurovision Song Contest zusammengecastet und sollten Deutschland den Sieg bescheren. Laurita Spinelli und Carlotta Truman, besser bekannt als „S!sters“, treten am Samstagabend in Tel Aviv an. Wir haben vorab mit dem Bremer Komponisten Christoph Ogiermann über ihre Chancen gesprochen.

Herr Ogiermann, in diesem Jahr vertreten „S!sters“ mit dem Song „Sister“ Deutschland beim Eurovision Song Contest, der in Tel Aviv ausgetragen wird. Wie finden Sie den Song?

Da ist eine Grundanlage, die ich erst einmal nicht uninteressant finde. Als ich das zum ersten Mal hörte, fand ich es auch gar nicht so schlimm.

Für mich klingt das Lied vor allem sehr generisch.

Aber das, was sie sonst immer gern machen, also so einen orchestralen Höhepunkt setzen – das machen sie zwar, aber weder nach dem ersten Refrain, noch am Schluss. Sie blenden den Song nach „Oh sister“ aus, das mit einem Sprung nach oben endet. Das ist keine Aussage, sondern eine Frage. Bist du meine Schwester? Ich war überrascht. Darin liegt eine Spannung.

Christoph Ogiermann Foto: DINA KOPER

Es passt auch zum lyrischen Standpunkt: Schwester, ich bin müde. Das klingt wie der Ausgangspunkt einer Verhandlung.

Sie versuchen erstmal eine Grundkonstellation herzustellen. Da ist die Blonde, Carlotta Truman, die singt, dass sie müde ist. Sie ist die Schwache. Sie singt auch in einer falsettierender Kopfstimme, wo diese Schwäche deutlich zu hören ist. Laurita Spinelli, die Schwarzhaarige, hat einen metallischen Strang in ihrer Stimme, sie ist die Stärkere. Blöderweise haben sie ab der zweiten Strophe das Problem, dass sie zusammen singen sollen. Und leider singen sie da das gleiche wieder. Dass sie beide „sorry for the drama“ sind, geht noch, aber später heißt es dann: „Calling you my enemy, but my enemy is here“, das singen dann beide. Wobei das „here“ jeweils in ihnen selbst liegt.

Ist das nicht die notwendige Folge der Konkurrenz, in der auch diese beiden stecken, dass sie dieses Gegeneinander in sich spüren?

Das hätte diesen fiesen therapeutischen Touch: Der Feind ist nicht in Moskau oder Washington, sondern in dir drin! Ich habe mal einen Prediger auf dem Tübinger Marktplatz erlebt, der genau das gepredigt hat: Du bist das Problem! Wir haben ja schon öfter festgestellt, dass es in diesen Liedern überhaupt keinen Hinweis auf eine gesellschaftliche Situation gibt. Sie nennen sich ja Schwestern und meinen damit nicht leibliche Schwestern. Diese Schwester ist natürlich die frauenbewegte Schwester, aber beide sind zunächst in einer Konkurrenz, und das ist natürlich richtig beobachtet. Das ist durch einen zunehmenden Anteil von Frauen in der Arbeitswelt nicht verschwunden, ganz und gar nicht. Es wird ja fürchterlich geschimpft über dieses Stück, der „Musikexpress“ sieht uns schon wieder auf dem letzten Platz. Ich kann das nicht nachvollziehen. Mich rührt das an. Wenn ich müde bin, erst recht. Dieses fragende „Sister“, das hat mich überzeugt, das ist interessant.

Die erste Zeile lautet ja, dass sie es müde sind, immer zu verlieren. Das hat in dem Zusammenhang Eurovision Song Contest natürlich eine ulkige Note.

Und die andere will nicht mehr kämpfen. „I try to hold you under“, ist das überhaupt richtiges Englisch? Aber sie nennt sie gleich „Honey“. Sind sie ein Paar oder sind sie Kolleginnen? Das kommt überhaupt nicht raus. Und da haben wir wieder das große Problem bei diesen Liedern, dass sie sich völlig verobjektiviert in einem luftleeren Raum glauben. Das kannst du in jeder Gesellschaftsform singen. Suchen wir mal irgendeinen Hinweis in dem Ding, der darauf hindeutet, dass es 2019 ist.

Dass man aussprechen darf, dass man müde ist, scheint zeitgemäß. Dass der Wettbewerb einen ermüdet, sagt man seinem Chef oder Vorgesetzten lieber nicht. Dass man offen darüber spricht, ist das nicht relativ neu?

Kapitalismus und Depression also. Dass sich das betroffene Subjekt sagt, dass es müde ist, hat die Volksbühne in Berlin schon vor 20 Jahren in der gleichnamigen Reihe untersucht. Da haben französische Psychologen darüber gesprochen, dass Depression den Ödipus abgelöst habe. Früher hatte man psychische Probleme, weil man große Väter, große Mütter, böse Geschwister hatte. Danach war die Situation, dass du dich wie Münchhausen die ganze Zeit an deinem Schopf aus der Scheiße ziehen musstest. Das macht müde und kaputt. So hat die Depression die Psychose abgelöst. Das lässt sich quantitativ nachweisen. Und jetzt kommt noch ein Wort: „I‘m sorry for the drama“. Eine „drama queen“ hat nicht wirklich ein Problem. Wie Tucholsky sagt: Meine Probleme möcht ich haben. Mach mal kein Drama draus. Sie agieren das ja überhaupt nicht aus, sondern singen beide: Entschuldige das Drama. Beide wollten die Welt, nur einer kann die Welt gewinnen. Das ist die Idee vom Empire. Da ist eine riesige Konstellation, eine Problemstellung, die aber gar nicht aufgelöst wird.

Es könnte die Idee einer Wahlverwandtschaft aufgreifen, als Alternative zur klassischen bürgerlichen Familie.

Sind sie dadurch produktiver? Gewinnen Sie gegen die anderen Paare? Ich glaube, das ist, was mich wahnsinnig macht bei diesen Liedern, dass es keine Verortung gibt. Sie reden niemals über ein Außen. Ich möchte einmal ein Lied hören, in dem nicht „Ich“ oder „Du“ vorkommen, sondern „Wir“. Es geht immer um den Einzelnen und seinen Scheiß, zumindest, was die deutschen Beiträge angeht. Bei Nicoles „Ein bisschen Frieden“ ging es immerhin noch um „diese Erde, auf der wir wohnen“.

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