„Allmen und die Libellen“: Der neue Suter ist ein Krimi

Auf der Spur eines Müßiggängers

Syke - Von Rainer BeßlingJohann Friedrich von Allmen sah schon bessere Tage. Den Sinn für Behaglichkeit hat er sich trotz widriger Lebensumstände erhalten.

Im Gartenhaus hinter der einst von ihm bewohnten Villa pflegt der Mitvierziger zwischen riesigen Bücherwänden den Luxus nicht nur mittäglicher Muße. Bisweilen besucht er Cafés, die eine ähnlich mit Noblesse angestaubt sind wie seine eigene Erscheinung und Existenz. Das Opern-Abo, ein in seinen Augen unverzichtbarer Genuss, läuft dank findigen Kosten-Splittings weiter.

Hausfaktotum Carlos hält Allmen die Treue und mühevolle Alltagsverrichtungen vom Leib, obwohl schon lange kein Geld mehr für seine Dienste übrig ist. Allmens Erbe ist aufgebraucht. Immobilien, ein Großteil des Mobiliars und Kunstgegenstände sind verscherbelt. Noch mehr als das: Verbindlichkeiten sorgen ihn. Prinzipiell machen Allmen Schulden wenig aus. Er lernte früh, mit ihnen umzugehen und in seinen luxuriösen Lebenswandel einzubauen. Doch ein aktueller Gläubiger droht auf unangenehmste Weise. Da könnte die Contenance selbst dieses Lebenskünstlers an ihre Grenzen stoßen.

Martin Suter hat eine neue Romanfigur geschaffen. Schon auf den ersten Seiten fühlt man sich angekommen in der ganz eigenen, unverwechselbaren Prosawelt des Schweizer Schriftstellers. Ein Hauch von Anachronismus und Dekadenz liegt wie gewohnt über der Szenerie. Auch der Erzählstil wirkt in Tempo, Bildwahl und Wortgebrauch wie der Nachhall einer überlebten Epoche. Doch genau darin liegt der Charme von Suters Schreibkunst. In der Genauigkeit der Schilderungen nehmen Kulissen und Protagonisten vitale Gestalt an, zugleich wirkt diese Welt wie aus Vorhängen und auf doppeltem Boden gebaut.

Mal fallen Suters Spitzen gegen mondänes Flair und großbürgerliche Fassadenexistenzen schärfer aus, wie jüngst noch in „Der Koch“, wo bei feinem Essen übelste Geschäfte abgewickelt wurden. Mal kommen sie eher humoresk daher, angereichert mit Milde gegenüber originellen bis grenzwertigen Überlebensstrategien, bestückt mit Nachsicht angesichts gewisser Schwächen des Romanpersonals.

Die zweite Variante bestimmt weitgehend Suters Buch um Johann Friedrich von Allmen, mit dem der Bestseller-Autor eine neue Krimiserie eröffnet. Am Anfang wird die Titelfigur von „Allmen und die Libellen“ Opfer eines Anschlags und entgeht nur denkbar knapp dem Tod. Am Ende stellt er sich den Druck einer Visitenkarte vor: „International Inquiries“. Zwischen dem Fast-Ableben und der Geburt eines Detektivbüros trifft der Leser auf eine wendig spannungsreich gebaute, meisterhaft erzählte Geschichte um Geldnöte, Obsessionen und findige Strategien vermeintlich besserer Kreise in Grauzonen des Kunsthandels. Durch die eigenen existenziellen Misslichkeiten mit einem Fuß in der Tür zum Hinterzimmerhandel, stolpert Allmen nach heftiger Affäre mit einer merkwürdigen Opernbekanntschaft auf gefährlich kriminelles Terrain.

Als Anmerkung stellt der Autor seinem Buch den Ausgangsimpuls nach: Die fünf Gallé-Schalen mit den Libellenmotiven, auf die sich die Begehrlichkeiten der Romanfiguren richten, sind tatsächlich aus einer Ausstellung gestohlen worden. Darauf setzt Suter seine fiktive Krimi-Geschichte. Leitfragen könnten gewesen sein: Wer profitiert von einem solchen Raub? Wo verbleiben unverkäufliche Kunstschätze?

Martin Suter: Allmen und die Libellen. Zürich, Diogenes. 195 S., 18,90 Euro.

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