Eine Schau im Hamburger Ernst Barlach Haus zeigt Werke des Expressionisten Ludwig Meidner

Sprengmeister der Formen

Ludwig Meidner: „Selbstbildnis“, 1915.

Von Wilfried DürkoopHAMBURG (Eig. Ber.) · Das Ernst Barlach Haus in Hamburg, hoch über dem Klein-Flottbeker Elbufer gelegen, ist Hort einer umfangreichen Barlach-Sammlung und stellt seine Schätze seit einiger Zeit in den Kontext mit Werken anderer Künstler. Dieses Mal gilt es, Parallelen zum Werk von Ludwig Meidner (1884-1966) zu entdecken, dem Maler, Zeichner und Literaten, dem Expressionisten par excellence.

Früh faszinierte den aus Bernstadt, einem kleinen Ort bei Breslau, Kommenden in Berlin das Thema Stadt, dem er sich anfangs ganz nüchtern annäherte. Sensibilisiert für die künstlerische Aufbruchstimmung wie für die von dunklen Ahnungen genährte Gefahr, gab ihm die zum Moloch sich wuchernde Stadt vor dem Ersten Weltkrieg Motive für seine Bilder. Diese Bilder und Zeichnungen voll wankender Häuserzeilen oder berstender Städte sind Hauptwerke des Expressionismus, begründen Meidners Stellung in der Kunstgeschichte. Er begibt sich auf die Spuren Robert Delaunays und der Futuristen, wenn er die Fronten eines Eckhauses in Dresden, die Villa Kochmann, in prismatisch zerlegte Elemente auflöst. In Dresden erlebt der Künstler auch die Mobilmachung 1914 mit Hurra-Patrioten unter nächtlicher Laterne und liest die ersten Kriegsnachrichten im Café in der Zeitung. Die Kriegsereignisse lassen ihn nicht zu der ungebremsten Schaffenskraft der Vorkriegsjahre zurückkehren, er sehnt sich danach, sich „in inniger Verbundenheit mit Gott“ aufgehoben fühlen zu können. In seiner „Apokalyptischen Landschaft“ wird die düstere Stimmung, der kosmische Gewalten eine Wendung ins Schicksalhaft-Dramatische geben, verstärkt.

Meidner beschäftigte sich gern mit dem eigenen Ich und porträtierte sich häufig selbst. Zuweilen lud er Freunde und Bekannte in sein Atelier, um sie zu zeichnen, den Maler Konrad Felixmüller etwa, den Dichter Jakob von Hoddis, die Tänzerin von Zobeltitz oder Johannes R. Becher, den er als „atemlos Fliegenden“ kannte. Persönlich sind sich Ludwig Meidner und Ernst Barlach (1870-1938) wohl nicht begegnet, obgleich beide zum Künstlerkreis um den Galeristen und Verleger Paul Cassirer zählten, der ihnen im Abstand weniger Monate erste Einzelausstellungen einrichtete. Barlach beschrieb Meidner implizit als Gegenspieler: „Er lädt immer viel Pulver in seine Kanone, es gibt immer eine gewaltige Explosion. Er weiß nicht, dass man auch sanft sein kann und dass das Sanfte oft viel lauter ist als aller Kanonendonner.“

Barlach, dem eine Russlandreise 1905 zum künstlerischen Initialerlebnis geworden war und zu einem Stil blockhafter, massiger, zugleich stilisierter und expressiver Figuren fand, gilt als traditionsbewusster Hüter des Figurativen und als Schöpfer überzeitlicher Figuren, Meidner hingegen als der avantgardistische Sprengmeister der Formen.

Nach während und auch nach dem Krieg winden sich Meidners Figuren, bäumen sich auf, mahnen, klagen und verzagen. Er zeichnet Propheten und Sibyllen, Asketen und Seher. Die in den Kriegsjahren durchlebten widersprüchlichen Gefühle – Angst und pazifistische Auflehnung, Hadern mit dem eigenen Glauben und Nicht-Glauben, Bruderliebe und Hass auf das System – verkörpern eine Reihe von Pathosfiguren. Sie reichen vom kantig verdrehten „Niedergestürzten“ bis zu den barock geschwungenen Sehern.

Mit diesen Solitären kommt er den Betern, und Predigern Barlachs sehr nahe. Heute sind beide Künstler – Barlach wurde in den dreißiger Jahren verfemt und verhasst, Meidner, der Jude, floh nach England – Fixsterne der Kunst.

Ernst Barlach Haus, Hamburg. Bis 31. Januar 2010. Der Katalog kostet in der Ausstellung 25 Euro.

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