Sprengel Museum zeigt Rekonstruktion der „Klingebiel-Zelle“

Luftschiffe aus dem „Verwahrhaus“

Gitterwerk der Phantasie: Julius Klingebiel tobte sich an den Wänden seiner Zelle aus.
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Gitterwerk der Phantasie: Julius Klingebiel tobte sich an den Wänden seiner Zelle aus.

Hannover - Von Jörg Worat. Eine sehr spezielle Installation kann man zurzeit im Sprengel Museum in Hannover sehen: Die Rekonstruktion der „Klingebiel-Zelle“ fasziniert in künstlerischer Hinsicht und weist zugleich auf ein Politikum hin. Denn es ist eine Debatte darüber entbrannt, was mit dem Original geschehen soll. - Von Jörg Worat.

Diese Arbeit ist jener Kunstrichtung zuzuordnen, die früher „Art brut“ genannt wurde und mittlerweile überwiegend unter dem Begriff „Outsider Art“ läuft. Ein Außenseiter war Julius Klingebiel gewiss: 1904 in Hannover geboren, arbeitete er als Schlosser bei der Wehrmacht, bis diffuse Gewaltausbrüche seine Einweisung in mehrere Institutionen zur Folge hatten, 1940 schließlich in das Göttinger „Verwahrhaus“. Klingebiel wurde als „gemeingefährlicher Geisteskranker“ zwangssterilisiert, überlebte aber die nationalsozialistischen Tötungsprogramme.

1951 begann er dann, seine Zelle zu bemalen, überarbeitete die Wände immer wieder. Das Sprengel Museum zeigt eine Rekonstruktion in Originalgröße, wobei übrigens die Vorstellung, diese beengte Örtlichkeit diene als Lebensraum eines Menschen, einiges Unbehagen auslöst. Die Bildwelten allerdings sind phantastisch: Militärische Motive tauchen ebenso auf wie religiöse, es gibt Luftschiffe und nicht immer eindeutig zu identifizierende Tiere, typographische und abstrakte Elemente – eine Art Gitterwerk etwa könnte für Geweihe stehen, für Äste oder für beides. Eine Figur scheint Hitler darzustellen, eine andere ist offenkundig Charlie Chaplin. Einiges erinnert in seiner Flächigkeit an altägyptische Kunst, jedoch beherrschte Klingebiel auch die räumliche Malerei. Ab 1961 bekam Klingebiel Medikamente und stellte das Malen ein, vier Jahre später starb er.

Das Verwahrhaus ist heute das „Feste Haus“ und gehört zum Maßregelvollzugszentrum Moringen. Für das plant das Land Niedersachsen als Eigentümer des Geländes einen Neubau, was die Diskussionen um die Zukunft der Klingebiel-Zelle befeuert hat. Dass die Wandmalerei unter Denkmalschutz steht, das Gebäude hingegen nicht, macht die Situation keineswegs einfacher.

Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums, will das Original gerne in sein Haus überführen. Wie weit oben steht das auf seiner Prioritätenliste? „Sehr weit. Ich fand die Zelle schon großartig, bevor ich in Hannover angefangen habe, und sie passt meiner Meinung nach besonders gut in unser Museum.“ Spieler beruft sich dabei auf die hiesige Tradition der Kunsträume von Kurt Schwitters‘ „Merzbau“ über El Lissitzkys „Abstraktes Kabinett“ bis zu den James-Turrell-Lichträumen. Ferner ist in der Sprengel-Sammlung mit Jean Dubuffet ein Pionier der „Art brut“ vertreten. Doch auch in Göttingen meldet man Begehrlichkeiten an und möchte die Zelle vor Ort behalten.

„Es ist die Frage, welche Aspekte man in den Vordergrund stellt“, sagt Spieler. „Die künstlerischen, die medizinhistorischen oder die allgemein historischen. Darüber wird man diskutieren müssen.“

Ein Symposium im Sprengel Museum am 17. November beleuchtet Klingebiel: Von 16 bis 20 Uhr legen dann Hannoveraner und Göttinger Kunstfachleute und Psychiatrieexperten ihre Standpunkte dar.

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