Sprengel Museum Hannover beleuchtet deutsche und britische Kunst nach 1945

Skulptur des Nichts

Auf der Psychiater-Couch: Auch Francis Bacon ist in der Schau präsent.
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Auf der Psychiater-Couch: Auch Francis Bacon ist in der Schau präsent.

Hannover - Von Jörg Worat. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg wird in Kunstausstellungen eher selten behandelt. Das mag damit zu tun haben, dass sich die 60er Jahre mit Pop-Art und Nouveau Réalisme deutlich attraktiver präsentieren lassen – vielleicht spielen auch Verdrängungsmechanismen in Bezug auf jene eher düstere Epoche eine Rolle.

Das Sprengel Museum Hannover hat sich davon jedenfalls nicht abschrecken lassen und zeigt nun die Ausstellung „Die frühen Jahre: Britische und deutsche Kunst nach 1945“, deren Titel übrigens in der englischsprachigen Fassung mit „Those early years“ eine subtile kleine Akzentverschiebung aufweist.

Die Schau ist kein offizieller Bestandteil der „Niedersächsischen Landesausstellung 2014“ zur 300. Wiederkehr des Tages, als ein hannoverscher Kurfürst zum König von Großbritannien und Irland ausgerufen wurde, steht aber mittelbar schon im Zusammenhang mit der Personalunion – sehr viele Ausstellungshäuser der Region beziehen sich in der einen oder anderen Form darauf. Das Sprengel Museum ermöglicht so einen interessanten Vergleich zwischen zwei Nationen, deren Standing nach dem Krieg kaum unterschiedlicher hätte sein können.

Zumal in Deutschland eine freie Entwicklung der Kunst im Nationalsozialismus nicht stattgefunden hatte. „Als ich 1934 meine frühe Einzelausstellung bekommen sollte, war ich künstlerisch bereits weiter als bei meinem Neuanfang nach 1945“, sagte Emil Schumacher, mit dem der Rundgang beginnt. Sein Bild „Der Herd“ von 1950 weist zwar schon die typischen Schichtungen und Kratzmuster auf, ist aber im Gegensatz zur später gepflegten Abstraktion klar im Gegenständlichen verhaftet. Lediglich zwei weitere Arbeiten sind im ersten Raum zu sehen und markieren andere Schwerpunkte. Von Werner Heldt gibt es ein düsteres Fensterbild mit einem toten Vogel, der sich seltsamerweise im Inneren des Raums befindet – dieser interessante Künstler mit seiner eigenartigen stilistischen Mischung aus Sachlichkeit, Abstraktion und surrealen Elementen wird auch im zweiten Raum repräsentiert. Schließlich sieht sich der Besucher zum Auftakt mit Josef Scharls „Totem Soldaten“ konfrontiert, einem für die damalige Zeit ungewöhnlich direkten Motiv, dessen Ursprung vielleicht darin liegt, dass Scharl zwar im 1. Weltkrieg gekämpft, Deutschland aber schon 1938 Richtung USA verlassen hatte.

Sehr bald wird deutlich, dass man zu dieser Zeit von einem einheitlichen Stil nicht sprechen kann, abgesehen davon, dass den Werken keine heitere Stimmung anhaftet. Auch die oftmals behauptete Dominanz der Abstraktion ist letztlich diskutabel. Natürlich sind die großen Namen wie Hans Hartung, Karl Otto Götz oder Bernard Schultze vertreten. Aber schon bei Wols alias Wolfgang Schulze, dem zu Recht viel gerühmten Pionier dieser Kunstrichtung, finden sich immer wieder architektonische und naturhafte Elemente. Andere Künstler wie Karl Hofer sahen überhaupt nicht ein, warum sie das Feld des Gegenständlich-Figürlichen verlassen sollten.

Ein besonderer Aspekt der Ausstellung ist die große Zahl plastischer Werke. Gerade die Entwicklung der britischen Kunst ist hier sehr schön nachzuvollziehen, von den zunächst unmittelbar figurativen, später immer noch organisch angelegten Arbeiten eines Henry Moore und den klaren Abstraktionen von Barbara Hepworth bis hin zu den spitzeren, verdrehteren, letztlich garstigeren Figurmutationen von Künstlern wie Lynn Chadwick, Reg Butler oder Kenneth Armitage – jene Ausprägung, für die der Kunstkritiker Herbert Read einst die Bezeichnung „Geometry of fear“ fand.

Die Schau ist sehr umfassend, dennoch lohnt sich das Durchhalten, bis im letzten Raum neuere Entwicklungen gezeigt werden. Da sind die Deformationen von Francis Bacon, und Joseph Beuys kommt ins Spiel, der sich einst mit Gustav Metzgers Frage konfrontiert sah, ob denn auch Himmler ein Künstler gewesen sei, wenn dies doch angeblich auf alle Menschen zuträfe. Und von Metzger, dem superradikalen Künstler, der schon mal mit Säure malte oder seine sämtlichen Kollegen zu einer mehrjährigen Schaffenspause aufrief, stammt dann auch ein sehr spezieller Schlusspunkt: Der in Nürnberg als Sohn jüdischer Eltern geborene Querkopf, 1939 mit dem Kindertransport nach England gekommen, hat seine Gehirnströme messen lassen, während er an nichts dachte. Diese Daten wurden dann mittels eines Computerprogramms an eine Schneide- und Bohrmaschine übertragen, die wiederum einen Steinblock bearbeitete. Wer also immer schon mal wissen wollte, wie eine Skulptur des Nichts aussieht, wird hier bestens bedient – ein Traum womöglich nicht nur für die Zen-Buddhisten unter den Besuchern.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. September, sie ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Katalog (128 Seiten) kostet 25 Euro.

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