Alles nett anzusehen: Jörg Mannes choreographiert „Dornröschen“ an der Staatsoper Hannover als Nummernrevue

Spreizsprünge nimmt man gerne

Bestimmt nicht revolutionär: Sprungartistik in „Dornröschen“. ·
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Bestimmt nicht revolutionär: Sprungartistik in „Dornröschen“. ·

Hannover - Von Jörg Worat„Ballett und Märchen – das ideale Paar romantischer Vorstellungen entführt den Zuschauer aus seiner engen Welt in eine Sphäre der Schwerelosigkeit und Schönheit.“ So kündigt die hannoversche Staatsoper das neue Ballett „Dornröschen“ an.

Und wenn der Ansatz tatsächlich gewesen sein sollte, die Besucher mit routinierter Unterhaltung rund zwei Stunden lang abschalten zu lassen, hat die Premiere bestens funktioniert. Wenn auch auf Kosten von Hinter- und Tiefgründigkeit.

Die Geschichte um die schlafende Prinzessin, der hier Charles Perraults Fassung zugrunde liegt, ist ebenso bekannt wie Tschaikowskys Musik, und Tanzfreunde wissen um die Originalchoreographie von Marius Petipa. Hier gänzlich neue Aspekte hineinzuschmuggeln, scheint eine schwere Aufgabe, und Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes begnügt sich denn auch mit der einen oder anderen Akzentverschiebung. Um so mehr Wert legt er auf äußerliche Opulenz, und die kommt in der Tat sehr gut zur Geltung: Was Florian Parbs (Raum), Peter Hörtner (Licht) und Philipp Contag-Lada (Projektionen) gemeinsam auf die Beine stellen, wirkt schon sehr beeindruckend, abgesehen von einigen zumindest für einen Teil des Publikums etwas lästigen Blendeeffekten in zweiten Teil. Die schlüssig abstrahierte Szenerie des schlummernden Schlosses erntet direkt nach der Pause sogar Szenenapplaus.

An dem mangelt es auch ansonsten nicht, und es ist ja auch alles nett anzusehen: die flotten Gruppentänze, die knackigen Soli, der große Pas de deux. Die farbenfrohen Kostüme, vor allem die Tellerröcke. Der mysteriöse Blaue Vogel (Elvis Val darf daraus eine durchgehende Rolle machen) und der putzige Frosch (Pantelis Zikas zeigt, wie man sogar mit Schwimmflossen tanzen kann), der auf nicht genau geklärte Weise dafür sorgt, dass die Königin (vorwiegend burlesk: Mónica García Vicente) endlich das ersehnte Kind bekommt. Nämlich die Prinzessin Aurora, die dann von der übellaunigen Fee Carabosse mit einem Fluch belegt wird.

Aus eben dieser missgünstigen Dame macht Cássia Lopes eine der interessantesten, weil vielschichtigsten Figuren. Von Choreograph Mannes laut Interview im Programmheft eher als Zicke denn als Monster angelegt, entwickelt Carabosse in dieser Interpretation eine sehr spezielle Präsenz, unterschwellig bedrohlich, aber nie aufgesetzt.

Prinzessin und Prinz zeichnen sich teilweise durch eine sympathische Schüchternheit aus; beide wissen in Mannes’ Sichtweise nicht immer so recht, wie ihnen geschieht. Catherine Franco, unlängst für den bedeutenden Theaterpreis „Faust“ nominiert, kann alles sein, was sie will, diesmal also liebreizend. Ihr Partner Denis Piza wirkt jederzeit souverän, verleiht seiner Rolle aber kein rechtes Profil, was wohl weniger der Interpretation geschuldet ist als dem Konzept. Alle anderen Solisten sind übrigens auch in der Gruppe zugange – entsprechend viele Umzüge machen den Abend logistisch zur besonderen Herausforderung.

Die neoklassische Tanzsprache bei alledem ist bestimmt nicht revolutionär, dafür sehr eingängig: Spreizsprünge und flotte Pirouetten werden halt ebenso gern genommen wie der Anblick, wenn sich die Prinzessin, am Hals des Prinzen hängend, herumwirbeln lässt. So wird aus dem Abend eine Art gekonnte Nummernrevue, erfreut aufgenommen von einem Publikum, das auch die streckenweise unkonzentrierte (Bläser!) Darbietung des Niedersächsischen Staatsorchesters unter Anja Bihlmaier beklatscht.

Die nächsten Vorstellungen: am 12. und 18. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 3. November um 18.30 Uhr in der Staatsoper Hannover.

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