Das Moks-Theater widmet sich mit „Patricks Trick“ der Inklusion

Sprechen, immer eine gute Idee

Darf man über Menschen mit Behinderungen lachen? Der Autor Kristo Sagor nimmt mit seinem prämierten Stück „Patricks Trick“ Kurs auf diese Frage. - Foto: Jörg Landsberg
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Darf man über Menschen mit Behinderungen lachen? Der Autor Kristo Sagor nimmt mit seinem prämierten Stück „Patricks Trick“ Kurs auf diese Frage. 

Bremen - Von Rolf Stein. Wer Patrick ist, ist klar. Was sein Trick ist? Schon weniger. Vielleicht, weil es sich bei diesem Trick in dem Sinne eigentlich gar nicht um einen solchen handelt. Patrick lernen wir jedenfalls gleich sehr unmittelbar kennen. Er steht da vorn an der Rampe und beginnt, mit uns zu reden. Wie alt wir sind, ob wir Geschwister haben, ältere oder jüngere – das alles will er von uns wissen, zumindest von einigen aus dem Publikum.

Denn für ihn ist das das nächste große Ding! Ein Geschwisterchen. Hat er bei seinen Eltern abgelauscht. Allerdings: Alles in Ordnung scheint da nicht zu sein. Vielleicht werde sein künftiger Bruder, auch das hat er heimlich mitgehört, nie richtig sprechen können. Und wenn seine Eltern nicht mit ihm darüber reden, kann er ja auch nicht mit ihnen drüber reden. Mit wem aber dann? Da wäre sein bester Freund Valentin – der allerdings meint, dass er, um Patricks bester Freund zu sein, nicht gleich ein besonders guter Freund sein muss, und sich lieber mit seinem Smartphone beschäftigt. Also macht sich Patrick auf den Weg, um herauszufinden, wie er seinem Bruder helfen kann beim Sprechenlernen.

Vom Boxlehrer bis zur Gemüsefrau

Ein boxender kroatischer Mitschüler, vor dem alle Angst haben, ist die erste Anlaufstelle, der muss es ja auch einmal gelernt haben, das Sprechen. Selbiger verweist ihn an seinen Boxlehrer, der schickt ihn zu einem ominösen Professor, jener verweist ihn an eine Gemüsefrau mit Handicap und so weiter. Wobei Christoph Vetter den Patrick mit so einer unmittelbar einnehmenden Offenheit spielt, die an den wechselnden Verschrobenheiten seiner Mitmenschen Funken schlägt. Jene Funken haben auf wahrlich wundersame Weise allesamt in dem schlaksigen Körper seines Mitspielers Benjamin Nowitzky Platz, der das grollende slawische R ebenso unbekümmert ausspielt, wie die Ticks der Deutschlehrerin mit zwei Apfelsinen als Brüsten. Oder aber die Option, dass Patricks Bruder mit spastischer Lähmung auf die Welt kommen könnte, da möchte man sich glatt sorgen, ob das denn alles so in Ordnung geht – weil man da über das lacht, was doch eigentlich nicht witzig ist. Oder etwa doch?

Kristo Sagor, in Bremen ein guter Bekannter, seit er, vor mehr als zehn Jahren, ganz offizieller Hausautor war, nimmt in seinem Stück, das vor zwei Jahren uraufgeführt und mit dem Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg 2014 ausgezeichnet wurde, ganz gezielt Kurs auf diese Frage. Und fegt sie mit einem entwaffnenden „Man ist nicht behindert, man wird behindert“ als falsche Fragen hinweg.

Nathalie Forstmann hat diese Vorlage für das Moks-Theater im intimen Brauhauskeller in einem Bühnenbild (Iris Holstein) zwischen angedeutetem Bällebad und Was-passiert-dann-Laboratorium mit viel Tempo und Witz inszeniert, dass man sich am Ende fragen mag, was das bitte – wie angekündigt – mit Inklusion zu tun hat. Um im nächsten Moment zu verstehen, dass man sich vielleicht die Frage immer falsch gestellt hat. Zumindest im Theater wird hier möglich, was in der Welt da draußen per hoheitlichem Akt mehr schlecht als recht geregelt wird: Der Trick ist, miteinander zu sprechen. Auf Augenhöhe. Kein Trick? Mag sein. Aber eine gute Idee ist es allemal.

Weitere Vorstellungen: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, jeweils um 10.30 Uhr sowie am Sonntag, 16 Uhr, Brauhauskeller, Theater Bremen.

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