Wilhelm-Busch-Museum in Hannover: Die wilhelminische Epoche im Spiegel des „Simplicissimus“ von 1896 bis 1914

Mit Sprachwitz und Zeichenkunst gegen das Kaiserreich

Spielerische Einübung in den Militärstaat: Blick in die Ausstellung „Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen“. ·
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Spielerische Einübung in den Militärstaat: Blick in die Ausstellung „Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen“. ·

Hannover - Von Wilfried DürkoopDas hannoversche Museum Wilhelm Busch wirft mit Karikaturen aus dem „Simplicissimus“ und einigen Memorabilien Schlaglichter auf Politik und Gesellschaft des ausgehenden Kaiserreichs.

Die satirische Zeitschrift „Simplicissimus“ ist Synonym für Sprachwitz und blendende Zeichenkunst. Woche für Woche wird ab 1896 der trügerische Friede im kaiserlichen Deutschland durch das Knurren der zähnefletschenden roten Simpl-Bulldogge gestört, die ihre Ketten gesprengt hat. Reaktionär, inhuman, mindestens aber illiberal erscheinen den Blattmachern die Zeiten. Sie sehen eine Kluft zwischen Untertanen und dem Staatsapparat mit Polizei, Justiz, Beamtentum, Militär, dem Klerus. Verbote, Beschlagnahmungen und Anklagen gegen die als verderblich angesehene Zeitschrift sind üblich.

Die gut 120 aquarellierten Zeichnungen mit Stift, Feder oder Kreide bieten unter dem Titel „Zwischen Kaiserwetter und Donner grollen“ ein Kaleidoskop der Zeit des Deutschen Reiches, das mit 30 000 Millionären aufwartet, industriellen Fortschritt erlebt und in Wissenschaft und Forschung in die Zukunft blickt, während absolutistische Zustände herrschen.

In den Blättern geht um die Schönheiten von Paraden, um herrenreiterliche Süffisanz, um Mensuren- Schlagen und burschenschaftliches Saufen samt Kater danach, um die stramme militärische Disziplinierung von Hochschullehrern, um Amouren der Herren von Stand mit Halbwelt-Schönen. Emanzipierte Frauen kommen im „Simplicissimus“ nicht gut an. „Die deutsche Frau – was soll das heißen? Lässt sich nicht mehr so häufig beißen“ – und verjagen den grimmig dreinschauenden Storch mit Tennisschlägern. Auf einem anderen Blatt gehen Schreckgespenster des „Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ mit Besen und Schirmen aufeinander los.

Im Herbst 1898 reist Kaiser Wilhelm in den Orient, besucht auch den Sultan in Konstantinopel, verspricht ihm den Schutz des mächtigen Deutschen Reiches. Auf dem Titelblatt des Simpl nimmt Thomas Theodor Heine mit einer Zeichnung, die Kaiser Barbarossa und Gottfried von Bouillon zeigt, den „Kreuzfahrer“ Wilhelm II. auf Korn, Frank Wedekind steuert die Ballade „Im heiligen Land“ bei, die die Kaisertreuen im Reich aufschreien lässt. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung. Zeichner und Dichter kommen in Haft, der Verleger Albert Langen flieht, die Auflagen der nächsten Ausgaben steigen dank des Skandals von 15 000 auf 85 000 Exemplare. Wilhelm II., dem gar einiger Humor nachgesagt wird, äußert sich im Geheimen gegen Prozess und Inhaftierung.

Die soziale Not der Arbeiter und der am Rande Stehenden – „diese Kerle versauen einem die ganze Stimmung“, meint ein Bettler an der Laterne passierendes Ehepaar – wird ebenso kommentiert wie koloniales Machtstreben. Da spielen die Kinder des Majors mit Säbel und Lanze China-Krieg, spießen Hühnerköpfe auf, jagen und massakrieren einander. Und zwei alte Diplomaten in Uniformen ahnen: „In fünfzig Jahren werden es unsere Kollegen noch schwerer haben. Wenn es da einmal zum Krieg kommen sollte, wird man ihnen wegen fahrlässigen Massenmordes den Prozess machen.“ Und dann wird das Strohgelb des serbischen Sommers mit Rot gemischt, weil die Browningkugeln eines Primaners getroffen haben.

Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst. Hannover, Georgengarten. Bis 19. Januar 2014. Di-So 11-18 Uhr,

Eintritt: 4,50 Euro.

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