„Mein Blick“: Eine Oldenburger Ausstellung präsentiert das Werk der Fotografin Herlinde Koelbl

Sprachen von Körper und Kult

Erfrischend alt: Herlinde Koelbl porträtiert Louise Bourgeois.

Von Rainer BeßlingOLDENBURG (Eig. Ber.) · Ich bin dann mal drin! Zufrieden blickt der frisch gebackene Bundeskanzler Gerhard Schröder 1998 in die Kamera und übt mit der Havanna in der Hand, lässig an der Schläfe geparkt, staatsmännisches Posieren.

Sieben Jahre später haben sich Furchen und Falten ins Gesicht des Verlierers Schröder eingeschrieben, nach einem offenkundig Kräfte zehrenden Wahlkampf. Doch als ließe sich die Zeit zurückdrehen: Ein Jahr später trägt der Bundeskanzler a.D. wieder gute Laune und Wohlsein.

Über Jahre hat Herlinde Koelbl 15 Politiker und Wirtschaftsführer begleitet. Einmal im Jahr gab es eine Fotosession: Entspannt schauen für Brustbildnis und eine Variante im Stehen. Parallel verfolgte die Fotografin in der Presse ihre Protagonisten auf Schritt und Tritt. So bauten sich das Verständnis und die Einfühlung auf, die solche Porträts ermöglichen.

Die Politikerbilder „Spuren der Macht“ gehören zu den bekanntesten Arbeiten der Münchnerin. Dass sie sehr viel mehr und Unterschiedlichstes geschaffen hat und woran sie gerade arbeitet, zeigt die erste Werkschau „Mein Blick“. Nach dem Auftakt im Martin-Gropius-Bau Berlin ist die Retrospektive jetzt im Oldenburger Schloss zu sehen.

Relativ spät und als Autodidaktin beginnt die gelernte Modedesignerin 1976 im Alter von 37 Jahren ihre fotografische Karriere. Sie arbeitet für Publikationen wie „Stern“, „Zeit“ und „The New York Times“. Damit finanziert sie eigene Projekte, „Feldforschungen mit dem Fotoapparat“.

Eigene Autorenschaft und eigenes Risiko verbinden sich mit einem langen Atem. Bevor sie zum ersten Mal den Auslöser betätigt, bereitet Koelbl jedes Projekt ausdauernd vor: lesend, reisend, in Gesprächen. Der Strategie entsprechen oft die Inhalte: Zeit, Vergänglichkeit, Spuren, die Menschen hinterlassen und Spuren, die die Zeit bei den Menschen hinterlässt. In einer jüngeren Serie nimmt das Thema als Abdruck auf Straßenpflastern auch abstrakte Gestalt an.

Das Unternehmen, das Herlinde Koelbl ihr wichtigstes nennt und das sie selbst am nachhaltigsten geprägt hat, ist der Zyklus der „Jüdischen Porträts“. Große Namen finden sich in der Galerie einer intellektuellen und künstlerischen Elite: Grete Weil, Norbert Elias, Erika Landau, George Tabori. Viele leben heute nicht mehr. So sind Koelbls Porträts auch ein Akt gegen das Vergessen. Neben der Erinnerung im Bild stehen Zitate, knappe Textstücke, die als Ergänzung zum Visuellen gelesen werden können, aber auch eigenständig funktionieren.

Abhängig vom Thema sucht Herlinde Koelbl nach der angemessenen medialen Umsetzung. Von Fall zu Fall geht sie über das bloße Foto hinaus. Eine solch umfängliche Recherche produziert reichlich Material. Viele Fotos erzählen die Geschichten, die die Fotografin von den Menschen gehört hat, und sie transportieren wie in den „Jüdischen Porträts“ die Bewunderung, die die Protagonisten ausgelöst haben.

Bei manchen Themen wie der „Goldmund“-Serie, in der Menschen von ihren Plänen bei unerwartetem Reichtum erzählen, kommen Videosequenzen hinzu. Andere Themen hat die Münchnerin komplett im Dokumentarfilm realisiert. Sicher trägt zur Qualität der Fotografien bei, dass Koelbl auf die gedankliche Durchdringung des Themas, auf die Begegnung und die Annäherung an die Protagonisten mindestens so viel Wert legt, wie auf formale Entscheidungen. Die Dauer der Zyklen hat noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie ermöglicht die Distanz, die eine Foto-Auswahl erst ermöglicht.

Koelbl inszeniert nicht, sondern sucht die Situationen, Orte und Atmosphären, in denen sich die Akteure selbst darstellen und auch schon mal demaskieren. Dem Berliner Museumsmogul Peter-Klaus Schuster springt die Selbstgefälligkeit aus jedem Knopfloch. Bei Louise Bourgeois schaut freche wache Frische durch Alterswürde. Im breiten Kapitel „Leiblichkeit“ lässt Koelbl die Körper pur sprechen: Bei alten Menschen formen Falten Landschaften als natürlichen und würdevollen Abdruck der Vergänglichkeit. Im Kontrast treten Kinder auf, deren Eigenart und Eigensinn noch von keiner Sozialisierung gebrochen sind. „Starke Frauen“ vermitteln im Akt Selbstbewusstsein, Sinnlichkeit, Übereinstimmung mit ihrer Lebenswelt.

Koelbl weiß, wie Posen und Gebärden zum Ausdrucksträger werden. Bei den „Feinen Leuten“ bauen Ausschnitte und Anschnitte eine Fest-Bühne der Eitelkeiten, Anbiederung und Balz. In der Serie „Haare“ rücken natürlicher Schmuck des Menschen und die damit verknüpften Assoziationen von Macht und Schönheit in den Blick. Auch „Behausungen“ bringt die Fotografin zum Sprechen: Wohnzimmer und Schlafzimmer sind mit Attributen ausgestattet, die ihre Bewohner charakterisieren und nicht selten Klischees bestätigen.

Dokumentarisch hat sich Koelbl auch dem Thema „Opfer Glaube Tod“ genähert. Neben dem Körper gehört der Kult als Träger von menschlichen Grunderfahrungen und -verhaltensweisen zu ihren Hauptinteressen. Hier zeigt sich eine Crux der Objektivität, die Koelbl für sich reklamiert: In ihrer Bildchronik der Tötung von Opferlämmern, wo laut Koelbl das „Tier zum abstrakten Fleisch“ wird, legt sich eine Ästhetisierung auf den Ritus, die den menschlichen Gewaltakt aus Aberglauben zum Naturereignis stilisiert. Zur Beschleunigung von Vergänglichkeit ließe sich auch eine aufgeklärte Haltung einnehmen. Manchmal bedürfen Körper und Kult eines Korrektivs, das im Kopf angesiedelt ist.

(bis 13. Juni, Katalog)

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