Bremer Galerie zeigt Arbeiten der Gruppe Die Tödliche Doris

Spiel mit Erwartungen

Ein Kleid blíeb in New York. Standbild aus „Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort“.

Bremen - Von Rolf Stein. Berlin, besser gesagt: West-Berlin, das war in den 70er- und 80er-Jahren ein Sehnsuchtsort. Dort zog es nicht nur bekannte Künstler wie David Bowie und Iggy Pop hin, sondern auch etliche junge BRD-Bürger, deren männlicher Teil dort auch die Wehrpflicht aussitzen konnte. Damals sorgten obendrein Hausbesetzer für günstigen Wohnraum und dafür, dass die heute heißbegehrten und unbezahlbaren Altbauten erhalten blieben. Während eine umtriebige Künstlerszene den ästhetischen Aufbruch des Punk weitertrug. Und mittendrin: Die Tödliche Doris.

Von Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen 1980 als Band gegründet, die damals Kunst studierten, und mit der Kunststudentin Chris Dreier bald darauf zum Trio gewachsen, erweiterte die ungewöhnliche Formation ihr künstlerisches Vokabular auch im Zuge verschiedener Umbesetzungen schon bald.

Müller hatte den Begriff der „Genialen Dilletanten“ geprägt, nur echt mit Rechtschreibfehler, den er sich vom „Festival der Genialen Dilletanten“ geborgt hatte. Mit Punkrock und seinen sprichwörtlichen drei Akkorden hatte das von Anfang an herzlich wenig zu tun. Mit der der Punk-Explosion innewohnenden Idee, unbekümmert um überkommene Vorstellungen einfach „sein Ding“ zu machen, ohne sich vereinnahmen zu lassen, umso mehr.

Die kleine Ausstellung „Wie geht es dir jetzt?“ in der Bremer Galerie K’, die die Tödliche Doris und auch Wolfgang Müller vertritt, bietet bis zum 11. April Gelegenheit, anhand weniger Exponate und eines soeben erschienenen Werkverzeichnisses die Arbeit dieser Gruppe kennenzulernen. Zu sehen sind dort ein Film, die „Sesselgruppe Kleid“, ein Filmplakat sowie eine Reihe von Pfauenfedern hinter Glas. Die Spur, die die Artefakte legen, führt dabei um die halbe Welt: Für den Film „Zagarbata“, an das das Plakat aus dem Jahr 1985 in der Galerie erinnert, erstand das langjährige Doris-Mitglied Tabea Blumenschein vier Kleider auf einem Berliner Flohmarkt. In die gewandeten sich die damals vier Tödliche-Doris-Künstler. Fun fact: Der Film beginnt mit einem gestellten Live-Auftritt der Böhsen Onkelz, die sich von dem Film im Nachhinein vehement distanzierten.

Eines der Kleidchen aus „Zagarbata“ jedenfalls taucht in dem Super 8 Film „Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort“ von 1987 auf: Mit seiner Trägerin bewegt es sich durch New York, wo die Tödliche Doris im Museum of Modern Art für einen Auftritt eingeladen war. Einen der letzten, denn seit 1984 gab die Band ihre Abschiedskonzerte. Die Auflösung für das Jahr 1987 war schon bei der Gründung beschlossene Sache.

1991, also deutlich nach dem Ende der Gruppe, gibt es eine Wiederbegegnung mit drei der vier Kleidchen, unter anderem im Rahmen einer Ausstellung im Kunstverein Bremerhaven und vor wenigen Jahren in der Wanderausstellung „Geniale Dilletanten“ über Punk in Deutschland, gleichsam entleibt, wie Kissen auf schlichten Stühlen.

Auf den ersten Blick gänzlich losgelöst von diesen Arbeiten wirkt der zweite Teil der Ausstellung, die in die Sphäre der Tierwelt zu führen scheint. Allerdings entpuppen sich die Pfauenfedern bei genauerem Hinsehen in doppelter Hinsicht als Bestandteile eines Federkleides: Jede von ihnen ist mit einem kleinen Waschetikett versehen.

Das Spiel mit enttäuschten Erwartungen beherrschte die Tödliche Doris im Kleinen wie im Großen. Als die Documenta die Gruppe einlud, sollte die Tödliche Doris eine Performance aufführen. Stattdessen lieferte sie: 44 Gemälde.

Sehen

Bis 11. April, Mittwoch bis Freitag, 14 bis 18 Uhr, Samstag, 12 bis 16 Uhr, Galerie K’, Alexanderstraße 9b, Bremen.

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