Gedenken an Gewaltopfer im Bremer Dom

Spiegelungen

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze„Der Dom muss weg“ titelte und witzelte ein Kritiker einst nach einem Konzert im Bremer Dom. Nach wie vor herrscht dort eine derart komplizierte Akustik, dass jeder Interpret neu überlegen muss, wie und wo er Instrumentalisten und Sänger platziert.

Domkantor Tobias Gravenhorst entschied sich im Konzert „Oratorien zum Gedenken an die Opfer der Gewaltherrschaft“ für folgende Aufstellung: Die Bremer Philharmoniker saßen unter der Orgelempore, auf der Empore befand sich der Männerchor. Das hatte zur Folge, dass man den in Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ (1947) so wichtigen Männerchor zu wenig hörte. Im Übrigen war die Interpretation zu loben: wilde Expressivität auf der Basis einer wirklich eindrucksvollen Genauigkeit. Das zwölftönig komponierte „Meisterwerk, das musikalische Manifest unserer Epoche“ (Luigi Nono) basiert auf dem Bericht eines Überlebenden aus Warschau, der miterlebt hat, wie die Juden nach der Aufforderung der Abzählung mit dem Gebets choral „Schema Israel“ in die Gaskammer zogen. Der Bariton Falko Hönisch fand für den schwierigen Sprechgesang einen erschütternden Ton, Gravenhorst bildete die dramaturgische Nahtstelle – den Übergang des Geschreis des Feldwebels in den Choral – schlüssig und ergreifend.

Eine passende Programmwahl war dazu Frank Martins Oratorium „In Terra Pax“, das über ausgewählte Bibeltexte einen Weg nachvollzieht vom Krieg zu Frieden und Befreiung, von der Schuld zu Sühne und Hoffnung. Der 1974 gestorbene Schweizer Martin findet seinen Ausdruck in einer oft archaischen Klanglichkeit und einer ungemein lebhaften, typisch französischen Sprachakzentuierung.

Es war die hohe Qualität dieser Wiedergabe durch Gravenhorst, der Martins Musik wie Architektur meißelte, dazwischen aber auch feinste Klangnuancen fand. Und es stand ein überragendes Solistenensemble zur Verfügung, an erster Stelle der strahlende und stilsichere Tenor Andreas Post. Auch die Sopranistin Agnieszka Tomaszewska, die Altistin Elisabeth Graf, noch einmal Falko Hönisch Oratorien von Martin

und Schönberg

beeindruckten durch fast vibratolose Geradlinigkeit ihrer Partien, während der Bass Thomas Wittig etwas herausfiel durch zu stark opernhafte Tongebung.

Die äußerst präsenten Bremer Philharmoniker und der Bremer Domchor hinterließen unter dem klug disponierenden Gravenhorst einen durchweg starken Eindruck. Die Schauspielerin Stefanie Knauer sprach zwischen den Teilen zwar sehr schön, aber nicht immer glücklich ausgewählte Texte – weil sie neben den Texten von Martin eine eigene Theologie konstruierten. Ein überragendes und die Musik des Doms weiter profilierendes Konzert, das sich in den Rahmen der „Spiegelungen 1933-1945“ fügte.

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