„Kein Wunder“: Videoinstallationen von Paulina Cortés im Syker Vorwerk

Spaziergang und Sprünge

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„Im Bild“: Paulina Cortés lässt ihre Projektion zwischen Fotografie und Video pendeln. ·

Syke - Von Rainer BeßlingDer große Raum im Erdgeschoss des Syker Vorwerks ist sparsam bestückt. Drei Monitore, kleine Tuschearbeiten. Immer ist die Künstlerin selbst mit „im Bild“.

Eine Videoprojektion trägt auch diesen Titel. Man sieht Paulina Cortés auf einem Holzdielenboden in ruhender Seitenlage. Ihr Rücken ist dem Betrachter zugewandt. Das Bild pendelt zwischen der Darstellung einer konkreten Person und der Schilderung einer allgemeinen Pose. Auch in ihren Papierarbeiten lotet die Künstlerin aus, in welchen Bildstadien sie noch erkennbar ist und wo Figürlichkeit sich von der konkreten Person löst.

Der Ort der Video-Szene ist unbestimmt. Der liegenden Haltung der Frau im kargen Bildraum ließen sich verschiedene Geschichten und Situationen anlagern. Allmählich realisiert der Betrachter, dass hier zwei Medien und damit zwei Zeitebenen zusammenfließen. Überblendungen werden sichtbar, in denen es zu Verschiebungen kommt. Es scheint, als löse sich der Körper aus der festen Lage, als wolle er eine Larve verlassen.

Die Magie, die Anmutung einer Metamorphose oder einer Traumsequenz resultiert aus der Projektion eines Videos auf eine Fotografie. Fixiert das eine Medium den Moment, schildert das andere den Verlauf der Zeit. Obwohl sie sich Ruhe verordnet hatte, bewegte sich die Künstlerin in der dreiminütigen Sequenz. So erklären sich die schwimmenden Konturen.

„Kein Wunder“, so der Titel der Ausstellung von Paulina Cortés im Syker Zentrum für zeitgenössische Kunst, ist hier inszeniert. Technik und kompositorische Anlage stellt die 29-jährige gebürtige Chilenin stets mit aus. Sie verführt nicht mit verborgenen Effekten oder Raffinesse, sondern führt den Betrachter in die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit des Bildes und zu seiner eigenen Wahrnehmung. Es ist diese besondere Mischung, die den Reiz der Arbeiten von Cortés ausmacht: Die Präsenz des Körpers und die objekthafte Qualität der Installation verbinden sich mit einer Reflexion medialer Charakteristika und einem breiten Raum für Erzählerisches.

Eine neue und deshalb noch titellose Arbeit veranschaulicht Paulina Cortés‘ Wurzeln in der Performance und offenbart den engen Raumbezug, der das Publikum zum Co-Autor des filmischen Geschehens macht. Auf zwei Monitoren, die sich gegenüber hängen, springt eine Frau – nur ihre Beine sind zu sehen – mal in das Bild hinein, mal aus dem Bild heraus. Dazwischen liegen lange Phasen, die nur den Raum zeigen.

Die Szene ist in dem Raum aufgenommen worden, in dem sie gezeigt wird. Sie spielt mit der Erwartung, sie spielt mit der Assoziation, die Protagonistin springe durch den Raum von der einen zur anderen Wand. Der archaische Menschentraum vom Fliegen klingt an. In einer Lesart zeigt die Arbeit, wie unsere Vorstellung beim Bild mitspielt, wie wir die bewusst gesetzten „Leerstellen“ der Sequenz mit unserer Einbildungskraft füllen.

Auch in der Projektion „Nachtbild“ überblendet ein Video ein Foto. Hier ist das Licht Thema. Es tritt als Akteur auf sowie als Grundlage für jede Wahrnehmung und für jedes Bild. Aus einer nächtlichen Szenerie schält das Licht zeitweise ein Wiesenstück heraus. Hell und dunkel werden als formale und inhaltliche Spannungspole, als dramatische Effekte und dramaturgische Strategien sinnfällig.

Die älteste Arbeit der Schau, die eine repräsentative Auswahl aus dem Werk der jungen Wahlbremerin bietet, zeigt einen geheimnisvollen „Spaziergang“ (2008). Auch dies eine Nachtszene, getaucht in ein Licht, das den Schneeboden wie eine Mondlandschaft erscheinen lässt. Ein Vierfüßler bewegt sich durch das Bild, Schatten und Figur haben durch die Umkehrung des Bildes die Rollen getauscht. Zudem sorgt der Schattenwurf für eine Verwandlung des Körpers der Künstlerin in einen Alien. „Projektion“ zeigt sich hier in der ganzen Vielschichtigkeit des Begriffs.

Ein Buchtitel spielte bei der Idee für die Arbeit mit: „Der Schattenfuchs“. Animalisches, Archaisches und Surreales geht von der Installation aus, die den Raum intensiv mitspielen lässt, die in ihrer atmosphärischen Dichte und ihrem suggestiven Sound den Betrachter geradezu umschließt und seinen Blick in Bewegung hält.

Die Übersichtlichkeit der Ausstellung und die Nüchternheit der Präsentation schaffen die Grundlage für eine beruhigte und zu sich selbst kommende Wahrnehmung, die das verdichtete und poetische Werk von Paulina Cortés braucht und selbst zugleich fördert. Ebenso körperlich wie selbstreflexiv locken die Arbeiten mit Nähe und halten auf Distanz. Visuelles Erlebnisangebot und gedankliche Herausforderung sind gekonnt ausbalanciert.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 26. Februar, um 12 Uhr, im Syker Vorwerk eröffnet und ist bis zum 22. April zu sehen.

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