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Das Leben als Lektion: Balzacs „Verlorene Illusionen“

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Von: Johannes Bruggaier

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Bremen - Von Johannes Bruggaier. Manche werden nie erwachsen, und wem es doch gelingt, der hat einen beschwerlichen Weg hinter sich. Das Perfide daran: Es ist derselbe Weg, den man bereits in der Kindheit gegangen ist – nur diesmal zurück. - Von Johannes Bruggaier.

Der Weg der Kindheit nämlich ist auf Sand gebaut. Man lernt, dass Beziehungen auf Liebe gründen, dass Politiker den Menschen dienen und Anwälte der Gerechtigkeit. Eltern erzählen so was, damit Kinder eine Ahnung von dieser Welt bekommen, zumindest davon, wie sie sein sollte. Ist die Kindheit vorbei, zerplatzt eine Illusion nach der anderen. Dann gilt es, den Verlust des kindlichen Glaubens mannhaft zu ertragen, sein Leben souverän durch den Spalt zu manövrieren, der sich zwischen idealer und tatsächlicher Welt auftut.

Der französische Dichter Honoré de Balzac hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit diesem Phänomen befasst. Sein Buch „Illusions perdues“ („Verlorene Illusionen“) zählt zu den herausragenden Romanen seines gigantischen Zyklus‘ „Die menschliche Komödie“, mit dem er in Anspielung an Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ ein Sittenbild der französischen Gesellschaft zur Zeit der konservativ-monarchistischen Restauration zeichnete.

Melanie Walz hat „Verlorene Illusionen“ nun für den Hanser Verlag neu übersetzt. Die Expertin für englisch- und französischsprachige Literatur hatte sich zuletzt unter anderem Robert Louis Stevensons Roman „Der Master von Ballantrae“ gewidmet und dabei dessen subtile Ironie eindrucksvoll in eine zeitgemäße Form zu übertragen vermocht. Und weil auch Balzacs realistischer Prosa ein zutiefst ironischer Ton zugrunde liegt, ist eine Übersetzung von Melanie Walz schon ein kleines Versprechen.

Das Kind in diesem Roman heißt Lucien Chardon, äußerlich zwar bereits erwachsen, im Geiste aber noch unbelastet von jeglicher Erfahrung verlorener Illusionen. Balzac unterzieht ihn einer bitteren Ernüchterungstherapie, lässt ihn erst einen wundersamen gesellschaftlichen Aufstieg erleben, begründet auf der vermeintlichen Liebe einer Adligen zur Dichtung und insbesondere zu ihm, dem jungen Dichter. Bis Paris folgt der ahnungslose Junge aus der Provinz seiner Angebeteten, und die Metropole soll sich auf sein Gemüt wie ein Katalysator für Illusionen auswirken. Erst entpuppt sich die scheinbare Liebe der Adligen als Hülle ihres Narzissmus. Dann stellt sich heraus, dass der Pariser Literaturbetrieb, in dem der Dichter sein Glück zu finden hoffte, ein Moloch der Korruption und Geschäftemacherei ist.

Bleibt dem jungen Schreibtalent nur noch eine berufliche Perspektive: der Journalismus, die hehre Kraft der vierten Gewalt – mutig, objektiv und unbestechlich. Schön wär‘s. Im Duett mit Literaturbetrieb und Theaterszene schreiben Kritiker Autoren und Schauspieler je nach Bedarf hoch und wieder runter. Endlich macht der junge Lucien Karriere, auch wenn er dafür seine Seele verkaufen muss.

Balzac gewährt seinem Leser einen Blick hinter die Kulissen, buchstäblich bei Luciens Eintritt ins Theatergewerbe, das seine eigenen Claqueure bezahlt und im übertragenen Sinne bei ganz legalen und doch verwerflichen Strategien der Finanzwirtschaft. Denn auf den absehbaren tiefen Fall nach dem kometenhaften Aufstieg des Jungjournalisten folgt die bittere Lektion in Sachen Bankengewerbe und Anwaltswesen. Mit Unterstützung nur vermeintlich ehrbarer Bankiers und Advokaten reißt Lucien unfreiwillig Schwester und Schwager mit ins Unglück.

Die Schwierigkeit einer Übersetzung besteht nicht allein in einer angemessenen Form für die diesem Roman innewohnende Subversion. Balzac formuliert vielfach frappierend profan und ergeht sich phasenweise in ausschweifende Erörterungen.

In einem aufschlussreichen Nachwort führt Melanie Walz dieses Phänomen auf die Tatsache zurück, dass manche Momente in der literarischen Moderne eben mehr der Notwendigkeit geschuldet seien als dem Kunstwillen. Das ist gleichermaßen zutreffend wie fragwürdig: Auch der Kunstwille wird ja als notwendig empfunden, und umgekehrt vermag auch Notwendigkeit in die Kunst einzugehen. Es ist vielleicht das herausragende Merkmal der vorliegenden Übersetzung, diese Ambivalenz zwischen Kunst und Welt, Fiktion und Wirklichkeit, Abstraktion und Konkretheit erfahrbar werden zu lassen. Walz spürt dem gesellschaftskritischen Antrieb in Balzacs Sprache nach, findet für die Ironie kluge Übertragungsstrategien und widersteht der Versuchung, Unübersetzbares mit Gewalt ins Deutsche zu zwingen.

So ist ein „Dichter ohne Sonette“ im Französischen nicht allein ein „sans sonnets“ sondern eben auch ein „sansonnet“, also ein Leichtfuß. Und die Wechselretourrechnung „compte de retour“ wird im Original durch eine „conte de retour“ zu einer Märchenstunde. Indem Walz solchen sprachabhängigen Wortwitz nüchtern erklärend in den Kommentar verbannt, gewinnt sie Freiheiten für die wirklichen Herausforderungen, etwa die Übersetzung des Elsässer Dialekts, mit dem Balzac den stämmigen Druckhelfer Kolb ausstattet.

Tatsächlich hat es den Anschein, als sei in ihm die einzige Figur zu finden, die gegen jegliche Illusion gefeit ist: die jede Lüge durchschaut, jedes Gaukelspiel enttarnt. Die Erklärung für diese Immunität ist ihrerseits desillusionierend. Denn nicht etwa in der Reife liegt sie – sondern in einem kindlich schlichten Gemüt.

Honoré de Balzac: „Verlorene Illusionen“, Roman, übers. v. Melanie Walz: Hanser Verlag: München 2014; 960 Seiten; 39,90 Euro.

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