Spätwerk mit klanglichen Einbußen

Musikfest-Finale mit Rossinis „Petite Messe solennelle“

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Das Ensemble Europa Galante.

Bremen - Von Erik Hermann. Nun ist es schon wieder vorbei, das an Höhepunkten reiche 29. Musikfest Bremen, das etwa mit den Aufführungen von „Hoffmanns Erzählungen“ und dem „Barbiere di Siviglia“ Maßstäbe und mit den beiden Bremer Orchestern (Bremer Philharmoniker und Deutsche Kammerphilharmonie) weitere Glanzpunkte neben vielen anderen setzte.

In den vergangenen Jahren fand das Abschlusskonzert eigentlich immer in der Glocke statt. Das hätte man in diesem Jahr auch so halten sollen. Nun ist es bei einem geistlichen Werk wie Gioachino Rossinis „Petite Messe solennelle“ natürlich naheliegend, eine Kirche zum Veranstaltungsort zu wählen, besonders wenn sich mit dem Bremer Dom ein attraktiver und imponierender Schauplatz bietet. Aber der Preis war hoch, denn die Akustik war alles andere als zufriedenstellend: Ein mulmiges, halliges Klangbild, bei dem Feinheiten und Diffenzierungen leider untergingen. Chor, Orchester und Solisten waren auf der Empore postiert und damit für die meisten Plätze weit entfernt. Bei den Sängern konnte sich anfangs nur der Tenor in dem Einheitsbrei klar durchsetzen. Schade, denn die „Petite Messe solennelle“ ist ein eher selten aufgeführtes Werk, für das man sich klanglich bessere Bedingungen gewünscht hätte.

Rossini schrieb sein Spätwerk 1863, lange nachdem er sich als Komponist aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. In der ersten Fassung hatte er neben den vier Solisten nur acht Chorsänger sowie zwei Klaviere und ein Harmonium vorgesehen. 1866/67 hat Rossini dann seine Messe noch selbst orchestriert, hauptsächlich aus Sorge, dass nach seinem Tode das jemand anderes übernehmen würde. „Dann kommt Herr Sax mit seinen Saxophonen oder Herr Berlioz mit anderen Riesen des modernen Orchesters und schlagen mir meine paar Singstimmen tot.“

Im Bremer Dom wurde Rossinis Orchesterfassung gespielt. Fabio Biondi leitet sein Orchester Europa Galante, dazu den 1987 gegründeten spanischen Chor „Cor de la Generalitat Valencia“ in großer Besetzung. Mit Annya Pinto (Sopran), Olga Syniakova (Mezzosopran), Matheus Pompeu (Tenor) und Arturo Espinosa (Bass) sind kompetente Solisten aufgeboten. Matheus Pompeu überzeugt mit seiner reizvollen, marschartigen Tenor-Arie „Domine Deus“, die auch in jeder Rossini-Oper ihren Platz haben könnte. Die Stimmen von Annya Pinto und Olga Syniakova harmonieren prächtig, was besonders in dem empfindsamen Duett „Qui tollis pecata mundi“ evident wird. Wenn Annya Pinto im „Crucifixus“ von der Kreuzigung Jesu berichtet, kann sie mit ihrem feinen Sopran Empathie vermitteln. Olga Syniakova hat im „Agnus Dei“ ihr großes Solo, das sie mit zarter, inniger Demut gestaltet. Arturo Espinosa gefällt bei „Quoniam tu solus sanctus“ mit kultivierter Stimmführung. Der Chor hat besonders mit „Cum Sancto Spiritu“, dem großartigen Finale des 1. Teils, mit „Credo in unum Deum“ und dem „Sanctus“ anspruchsvolle Aufgaben, bei denen er mal mit vollem Klang, mal zurückhaltend a capella agiert. Fabio Biondi und Europa Galante musizieren mit größter Lebendigkeit und betonen auch den manchmal fast fröhlichen Charakter dieser Messe, die mit einem inbrünstigen „Dona nobis pacem“ („Gib uns Frieden“) endet – ein Wunsch, der aktueller denn je ist.

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