„entartet“ – beschlagnahmt: Bremer Ausstellung geht regionalen Spuren der NS-Propaganda nach

Spätere Erinnerung

„Entartet“? Arnold Schmidt-Niechciols „Hillmanns Hotel bei Nacht“.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) n Das Ranking ist makaber: Mit über zwei Millionen Interessenten bleibt die Propagandaschau „Entartete Kunst“ von 1937 die best besuchte deutsche Ausstellung „zeitgenössischer Kunst“.

Nationalsozialistische Kulturbeauftragte stellten mit der Präsentation von 20 000 Werken, die sie aus öffentlichen Sammlungen entwendeten, 1 400 Künstler an den Pranger. Kunst wurde ausgewählt, die dem „völkischen“ Ideal widersprach und Werte der Weimarer Republik repräsentierte: „Pessimismus und Pazifismus“. Hinter dem ideologischen Feldzug stand aber auch pures Geschäftsinteresse: Mit dem Verkauf der besten Bilder im Ausland sollten Devisen ins Reich fließen. „Unverkäufliches“ wurde schließlich zerstört.

Für die Künstler und die Sammlungen war die Aktion eine Katastrophe. Künstlerische Karrieren wurden unter- oder abgebrochen. Oft nicht nicht weniger tragisch: Manche Künstler biederten sich in der Hoffnung auf Überleben den neuen Machthabern an.

An vorderster Front der Aktion „Entartete Kunst“ stand ein gebürtiger Bremer. Adolf Ziegler, Maler und Präsident der Reichskammer für Bildende Kunst, leitete die Vorbereitung und Organisation der Wanderschau. Zieglers „Vier Elemente“ zählt zu den bekanntesten Beispielen eines „nordisch“ korrekten Körperideals. Es hing bis 1945 im Münchner „Braunen Haus“, ab heute begrüßt es den Besucher der Städtischen Galerie Bremen.

Zieglers Werk mit dem Gütesiegel der persönlichen Hochschätzung durch den Führer bildet als Kontrastfläche den Auftakt einer Ausstellung, die den Spuren und Folgen der „Entartete Kunst“-Aktion in Bremen nachgeht. In vierjähriger Forschungsarbeit hat die Kunsthistorikerin Birgit Neumann-Dietzsch 22 Schicksale von Künstlerinnen und Künstlern aus Bremen und dem Umland erforscht, die im Beschlagnahme-Inventar der Nationalsozialisten zu finden sind. Viel Rechercheaufwand und nicht wenige Besuche auf Dachböden waren nötig. Dazu galt es, die Bremer Situation im Austausch mit Fachwissenschaftlern in den Kontext der „Entartete Kunst“-Geschichte einzuordnen.

Es finden sich bekannte Namen wie Paula Modersohn-Becker, Franz Radziwill, Bernhard Hoetger und Fritz Stuckenberg. Künstler wie Willi Oltmanns, Arnold Schmidt-Niechciol oder Albert Schiestl-Arding genießen in der Region bleibende Anerkennung. Zahlreiche andere Namen jedoch wie Wilhelm Heckrott, Dietz Edzard, Otto Schoff oder Hanns Müller sind allenfalls Sammlern und Kennern der lokalen Kunstgeschichte ein Begriff.

Insofern dient die Ausstellung von 115 Gemälden und Grafiken sowie über 102 Dokumenten und Reproduktionen vor allem dazu, eine Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung des Kunstschaffens in Bremen in den 1930er und 40er Jahren zu schließen. Der Stempel „entartet“ machte Künstler, insbesondere mit regionaler Bedeutung, zu Verschollenen. Warum sie der Bann der braunen Machthaber traf, ist auch in dieser Bremer Präsentation oft schwer nachzuvollziehen. So wenig die NS-Zensoren über tragfähige Kriterien verfügten – wie auch mit zusammen geklaubten Ressentiments –, so stark war die Willkür einzelner Entscheidungsträger auf den vielen, teils untereinander verfeindeten Ebenen des zerklüfteten Machtapparats der Hitler-Diktatur.

Auch dokumentiert die Ausstellung, dass die Enteigung und der Pranger unterschiedlichste Auswirkungen auf die Betroffenen hatten, dass es viele Brüche in der Etikettierung als Verfemte gab. Nicht zuletzt zeigt sie, wie unterschiedlich Künstler auf die NS-Kunstpolitik reagierten. Die hoch problematische Ambivalenz eines Bernhard Hoetger ist bekannt.

Der Besucher der Bremer Ausstellung „,entartet‘ – beschlagnahmt“ lernt nahezu vergessene Künstler kennen, trifft auf spannende ästhetische Werke wie etwa die Bilder von Henry de Buys Roessingh und kann sich anhand von Dokumenten und mit dem faktenreichen Katalog durch Einzelschicksale lesen.

Dass eine solche Ausstellung erst jetzt realisiert werden konnte, ist teils in der Natur der Sache begründet: Was so lange aus dem Blick geraten ist, drängt sich nicht eben als Ausstellungsthema auf. Dass eine „Wiedergutmachung“ an den verfemten Künstlerinnen und Künstlern nicht zeitnah zum Untergang der NS-Diktatur auf den Weg gebracht worden ist, liegt an einer erschreckenden Kontinuität in der Kultusbürokratie nach 1945. In Bremen ziegt sie besonders krasse Züge. Der durch tragende Rollen in der NS-Zeit hoch belastete Eberhard Lutze war bis 1973 Leiter der Bremer Kulturbehörde. Dass Lutze kein Interesse an der Präsentation „entarteter“ Bremer Künstler hatte, liegt auf der Hand. Wie er mit Künstlern umging, die seinem ästhetischen Ideal nicht entsprachen, veranschaulicht der Rauswurf des ehemaligen Bremer Intendanten Kurt Hübner.

Dass die Bremer Ausstellung nun möglich wurde, liegt nicht zuletzt an finanziellen Zuwendungen durch die Bundeskulturstiftung und die Bremer Landesbank.

(Eröffnung heute 17 Uhr, geöffnet bis 15. November, Katalog)

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