Alize Zandwijk bringt in Bremen Tolstois „Auferstehung“ auf die Bühne

Sozialkritik und Transzendenz

Hochwohlgeboren: Nechljudow (Manolo Bertling, r.) kommt sich recht klein vor angesichts einer adligen Dame (gespielt von Deniz Orta).

Bremen - Von Rolf Stein. Eigentlich ist es noch ein bisschen hin, bis zu dem wichtigsten Fest des Christentums, aber man kann sich ja auch vorher schonmal mit der Auferstehung auseinandersetzen. Es nimmt allerdings ein wenig Zeit in Anspruch, wenn man es am Theater Bremen tut. Dort ist seit dem Wochenende „Auferstehung“ nach Lew Tolstoi im Schauspiel zu sehen.

Tolstoi hatte mit dem im Jahre 1899 veröffentlichten Roman seinerzeit eine Menge Trubel verursacht. Die orthodoxe Kirche exkommunizierte ihn gar, unter anderem weil er angeblich den dreieinigen Gott geleugnet habe.

Was ihn derweil nicht weiter bekümmerte, denn: „Die Lehre der Kirche ist eine theoretisch widersprüchliche und schädliche Lüge“, entgegnete er dem Synod, der seinen Ausschluss verfügt hatte. Trotz seiner Kritik an Kirche und Gesellschaft hing der Dichter allerdings auch dem Sozialismus nicht an.

Die sozialen und weltanschaulichen Verwerfungen seiner Zeit – Tolstoi starb im Jahr 1910 – fanden Eingang auch in „Auferstehung“. Die Geschichte des Adligen Nechljudow und Jekaterina Maslowa, einer ehemaligen Dienstmagd, die der Adlige einst in einer Osternacht verführte. Sie wird entlassen und hält sich als Prostituierte über Wasser.

Sie begegnen sich wieder, als Maslowa wegen Mordes an einem Freier angeklagt vor Gericht steht – und Nechljudow als Geschworener über sie urteilt. Ihre Verbannung nach Sibirien kann er nicht verhindern. Woraufhin er versucht, ihr zu helfen, wofür er ihr sogar bis nach Sibirien folgt. Unterwegs muss er erfahren, dass die gesellschaftliche Ordnung, die er selbst repräsentiert, nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch die Menschen.

Dass der Umfang des Romans schnödem Materialismus seitens Tolstois geschuldet ist, scheint unwahrscheinlich. Derlei hatte der Schriftsteller nicht mehr nötig. Die rund 700 Seiten, die vor wenigen Jahren von Barbara Conrad neu übersetzt wurden, sind unter anderem Schauplatz ausführlicher weltanschaulicher Diskussionen, die, kommen wir nun endlich zurück nach Bremen, in der Theaterfassung von Armin Petras und der Inszenierung der Regisseurin Alize Zandwijk ausführlich auf die Bühne kommen.

Selbige hat Thomas Rupert in einen vor allem sehr hohen Raum verwandelt, der ein wenig an realsozialistische Gemeindesäle erinnert. Die Menschen wirken klein darin. Und es fegt eine Ordnung über sie hinweg, die es in sich hat.

Die Vorgeschichte von Nechljudows Läuterung erzählt das toll aufgelegte Ensemble schnell vorneweg, in grotesk stilisierten Kostümen (Regine Standfuß) sucht das Bürgertum sich in Besitzstandswahrung, die Ausgestoßenen sind per sackartiger Lumpen auch äußerlich deformiert. Und zu alledem lassen der von diversen Zandwijk-Abenden bekannte Beppe Costa sowie die schlichtweg großartige Sängerin Nihan Devecioglu eine mal sakrals, mal betörend melancholische Musik erklingen.

Während Annemaaike Bakker, Alexander Swoboda, Bastian Hagen, Ferdinand Lehmann, Deniz Orta und Mirjam Rast in den unterschiedlichsten Rollen zu sehen sind und dabei manches sehenswerte Kabinettstückchen zum Besten geben, sind die beiden Hauptfiguren mit Fania Sorel und Manolo Bertling formidabel besetzt. Sie lassen das thesenreiche Geschehen auch emotional berührend wirken, in das Zandwijk noch einige Marthalernde Choreografien, eine launige Schneeballschlacht, eingangs ein bisschen Dans op de Deel und später eine Miniatureisenbahn mischt, aus der – Verzückung! – echter Dampf kommt.

Das bricht den recht pathoshaltigen Abend punktuell angenehm auf, der an seiner eigenen Schwere durchaus zu tragen hat. An seinem Ende steht ein geradezu verstörend ernstes Bild. Für Nechljudows Auferstehung verwandelt sich Ruperts Raum geradezu in eine kerzenerleuchtete Kathedrale. Sozialkritik trifft Transzendenz. Durchaus ein harter Brocken, aber durchaus auch spannendes Theater.

Weitere Termine:

Morgen, 19.30 Uhr, Freitag, 29. März, Mittwoch, 24. April, Samstag, 11. Mai und Dienstag, 28. Mai, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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