Cosmos Factory zeigt Theaterstück über den Künstler und Kommunarden Heinrich Vogeler

Soziale Experimente im Moor

Strohballen sind immer dabei: Citlali Huezo Sanchez (v.l.), Sonja Hurani, Judith Mann, Thomas Lindhout und Anouk Falkenstein in „Kommune Barkenhoff“. Foto: Oliver Peuker

Worpswede - Von Rolf Stein. Ohne Anführungszeichen, ohne ironische Brechung gegen den Kapitalismus zu agitieren – und sei es auf einer Theaterbühne: Das ist nicht gerade Alltag. Auch wenn die Marktwirtschaft im Zuge von Finanzkrise und Klimawandel ins Gerede gekommen ist.

Vor 100 Jahren, der Erste Weltkrieg war gerade erst vorbei, gab es dafür mehr Sympathien in Deutschland. Im November 1918 hat der Kaiser abgedankt, in Berlin, in Bremen, in München wollen nicht wenige die Revolution weitertreiben, nach russischem Vorbild, um ein System zu überwinden, das sie für Krieg und Ausbeutung verantwortlich machen. Einer von ihnen: der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler. Im Ersten Weltkrieg ist er zum Pazifisten geworden. Nachdem er sich im Januar 1918 mit einem Friedensappell an den Kaiser selbst gewendet hat, erklärt man ihn für psychisch krank und weist ihn ein.

Nach seiner Entlassung aus einem Bremer Krankenhaus kehrt der einstige Liebling der Bremer Eliten auf den Barkenhoff in Worpswede zurück, engagiert sich während der Novemberrevolution im Osterholzer Arbeiter- und Soldatenrat und gründet nach der Niederschlagung der Bremer Räterepublik die Kommune Barkenhoff. Gleichgesinnte und politisch Verfolgte finden bei ihm Unterschlupf, darunter Marie Griesbach, mit der Vogeler ein Liebesverhältnis hat.

Auch wenn die anarchistischen und kommunistischen Aufstände niedergeschlagen wurden: Von der Idee einer neuen Form, zusammen zu leben und zu wirtschaften, wollen sich Vogeler und seine Freunde nicht verabschieden. Der Barkenhoff soll eine Keimzelle dafür sein.

Die im Teufelsmoor ansässige Cosmos Factory um Oliver Peuker und Ute Falkenstein arbeitet seit vielen Jahren mit Worpswede-Schwerpunkt Lokalgeschichte theatralisch auf. Peuker hat sich zum 20-jährigen Bestehen der Cosmo Factory in die Geschichte des Barkenhoffs eingegraben und daraus das Stück „Kommune Barkenhoff“ destilliert, das am Mittwochabend in der Bötjerschen Scheune in Worpswede, immerhin also in der Nachbarschaft von Vogelers Anwesen, Premiere feierte.

Der Text ist fast vollständig aus historischem Material montiert, nur punktuell hat Peuker, der auch Regie führt, das Ausgangsmaterial in Dialoge überführt. Während das fünfköpfige Ensemble mit wenigen Requisiten zwischen großen Heuballen spielt, zeitgemäße Kostüme gibt es keine, und Heinrich Vogeler wird von Judith Mann gespielt – was auch bedeutet: Hier soll es eben nicht um ein Nachinszenierung der Dorfgeschichte gehen, sondern um Fragen wie die, ob das, was Vogeler und die seinen einst umtrieb, auch für uns Heutige von Bedeutung ist.

Wo Vogeler durchaus die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollte, sind es heute immerhin die Schauspieler – neben Judith Mann gehören Anouk Falkenstein, Citlali Huezo Sanchez, Sonja Hurani und Thomas Lindhout zum Ensemble. Im Verlauf des gut 90-minütigen Abends sind sie immer wieder in kollektiven Choreografien zu sehen, die mal Handlung transportieren, mal eher verbildlichen, dass schon zu Vogelers Zeiten mancher Revoluzzer nah an der Metaphysik gebaut war: Marie Griesbach, die eben noch propagiert hat, die Revolution müsse von innen kommen, wird schon bald den Ideen Rudolph Steiners anhängen.

Dass das Kommunenleben keineswegs nur lustig ist, müssen die Barkenhoff-Siedler bald feststellen. Von dem Land zu leben, dass ihnen zur Verfügung steht, ist schon nicht leicht in Zeiten der Inflation. Die kontrovers und – heute würde man sagen – undogmatisch geführten Debatten darüber, wie der Hof zu bewirtschaften wäre, führt Peuker exemplarisch vor. Besonders hilfreich ist dabei nicht, dass das Unternehmen von Anbeginn argwöhnisch beäugt wird. Vogelers Kollegen aus dem Künstlerdorf distanzieren sich umgehend von allem, was irgendwie nach Umsturz riechen könnte. Peuker bringt das in einer zauberhaften Miniatur auf die Bühne.

Viel gefährlicher aber sind natürlich die Mächtigen, die ihre Spitzel auf die Kommune ansetzen. Unter diesen soll sich übrigens laut Peuker der Maler Fritz Mackensen besonders hervorgetan haben. Auch regelmäßige Razzien machen den Kommunenbewohnern das Leben schwer, ohne dass ihnen dabei je etwas Verbotenes nachgewiesen werden kann.

Als kommunistische Insel der Glückseligen kann der Barkenhoff nicht lange überleben. Eine Reformschule für Arbeiterkinder ist mangels staatlicher Unterstützung nicht finanzierbar. Vogeler verkauft den Hof schließlich an die Rote Hilfe, die dort fortan an ein Kinderheim betreibt, seine eigene Zukunft sieht er eher in der Sowjetunion als in Deutschland.

1942 stirbt Vogeler in den Weiten Kasachstans, krank und erschöpft. Sein Grab ist bis heute vergessen. Seine Ideen werden allerdings viele Jahre später von einem anderen Künstler aufgegriffen. Das ist so etwas wie ein Silberstreif am Ende dieses Abends über das Scheitern eines sozialen Experiments. „Kommune Barkenhoff“ endet mit den Worten von Joseph Beuys: „Ich denke, das was Heinrich Vogeler damals versucht hat, ist beispielgebend: die Idee zwischen Kommunismus und Kapitalismus eine neue Gesellschaftsordnung zu beginnen.“

Termine

Täglich ab 20 Uhr bis zum 11. August, Bötjersche Scheune, Bauernreihe 3, Worpswede;

www.cosmosfactory.de

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