Am Theater Bremen feiert „All das Schöne“ Premiere

Sonne, Sex und Marlon Brando

Immer länger wird die Liste: All das Schöne“ mit Susanne Schrader.
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Immer länger wird die Liste: All das Schöne“ mit Susanne Schrader.

Bremen – Es ist ja eigentlich ein Skandal – zumindest aber ein wenig pervers: dass es nötig ist, hundert Gründe suchen zu müssen, aus denen es sich zu leben lohnt. Hängt man nicht Vorstellungen von jenseitiger Glückseligkeit an, ist das Diesseits und das Verweilen darin doch ohnehin das Einzige, was einem bleibt. Weshalb es auf der Hand liegt, das Beste draus zu machen. Allerdings scheint es nicht nur in unserer eigenartigen Zeit in dieser Welt geradezu zu wimmeln von Dingen, die es vielen Menschen gar nicht so selbstverständlich erscheinen lassen, dass sich dieses Leben für sie lohnt – auch in unserer besten aller möglichen Gesellschaftformen.

„All das Schöne“ (im Original: „Every brilliant thing“) heißt ein rund einstündiges Theaterstück von Duncan Macmillan, das davon erzählt, wie es ist, wenn die eigene Mutter an Depression erkrankt ist und sich mehrfach versucht, das Leben zu nehmen. Die Uraufführung spielte der Comedian Jonny Donahoe, der auch als Mitautor geführt wird, in Bremen schlüpft nun Susanne Schrader in die namenlose Rolle. Klaus Schumacher, in Bremen regelmäßig als Regisseur tätig, inszeniert „All das Schöne“ im Theater am Goetheplatz möglichst nah am Publikum, das fest in das Stück eingeplabnt ist – was in Corona-Zeiten seine Grenzen hat, die hier mit Gummihandschuhen und Greifarm markiert und zugleich ein Stückchen überwunden werden.

Schon bevor es richtig losgeht, verteilt Schrader mit Besuchern plaudernd diverse Kärtchen im Publikum – auf ihnen stehen einige der am Ende schier unendlich langen Liste von Dingen, für die es sich zu leben lohnt. Und weil der zumindest drohende und in diesem Fall eines Tages tatsächlich eingetretene Verlust der eigenen Mutter in aller Regel eine Zäsur im Leben eines Menschen und vor allem eines Kindes darstellt, ist die Idee, eine Liste mit mindestens hundert tollen Dingen des Lebens, angefangen bei Eis am Stiel und Wasserschlachten über die Stimme von Kate Bush oder die Freude über einen Song, der genau ausdrückt, was man im Moment fühlt, bis hin zu Sonne, Sex und Marlon Brando. Zwar liest die Mutter die Liste – und korrigiert die Rechtschreibung. Aber es hält sie nicht davon ab, wieder und wieder zu versuchen, sich umzubringen.

So einfach ist es allerdings auch für die Erfinderin der Liste mit „all dem Schönen“ nicht, die jene Liste in ihrem Leben immer wieder fortsetzt, aber sie zwischendurch auch vergisst. Offenbar fest überzeugt vom Glücksversprechen der westlichen Industriegesellschaften schmiedet sie zunächst an beruflichem Erfolg und privatem Glück. Vor allem Letzteres erweist sich allerdings in ihrem Fall als fragil. Hier, wo es sentimental werden könnte, zeigt sich, wie subtil, wie empathisch Schumacher und Schrader arbeiten, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Was wirklich schon gar nicht wenig ist, auch wenn bereits die Vorlage selbst natürlich mit viel Humor massiv gegen den Trübsinn anarbeitet – der britische „Guardian“ bezeichnete „All das Schöne“ gar als „womöglich eines der komischsten Stücke überhaupt“. Dennoch geht es natürlich immer mal wieder ans Eingemachte, wenn die Mutter eines Tages ihrem Leben beim dritten Versuch dann doch ein Ende setzt – oder wenn die große Liebe zerbricht. Wenn man also eines Tages einsehen muss, dass man eben doch nicht unbedingt Schmied des eigenen Glücks ist.

Die tröstliche Wirkung, die „All das Schöne“ spendet, besteht dabei nicht nur darin, dem Publikum in Erinnerung zu rufen, was es da sonst noch gibt im Leben neben Lohnarbeit, Steuererklärung, Angst um den Arbeitsplatz und anderen Alltäglichkeiten. Das Stück stellt, indem es sein Publikum so selbstverständlich wie verbindlich einbindet, Gemeinschaft her. Das ist sozusagen eine Kernkompetenz von Theater im Allgemeinen – und hier dank eines tollen Teams im Besonderen. Warum aber eine Gesellschaft offenbar so regelmäßig solche Bedürfnisse produziert, wovon unter anderem der Erfolg von Macmillans Stück zeugt (in ein paar Wochen zeigt beispielsweise das Deutsche Schauspielhaus im Hamburg eine eigene Inszenieruing), das wird uns eine andere Inszenierung verraten müssen.

Sehen

Sonntag, 20. September, 19.30 Uhr, Sonntag, 4. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 18. Oktober, 11 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

Von Rolf Stein

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