Songs gegen das Patriarchat 

Kollektiv Les Amazones d’Afrique eröffnet den Oldenburger Kultursommer

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Frauen an die Macht: Ein Teil des Musikerinnen-Kollektivs Les Amazones d’Afrique. 

Oldenburg - Von York Schaefer. Für das westafrikanische Musikerinnen-Kollektiv Les Amazones d’Afrique stellt sich die im westlichen Pop-Kontext oft diskutierte Frage, ob Musik gesellschaftliche Veränderungen befeuern kann, nicht. Ihre Antwort ist klar. „Wir erlauben uns zu glauben, dass Musik zu einem anderen Verhalten beitragen kann“, verkündete die 2017 gegründete Amazonen-„Supergroup“, zu der unter anderem Grammy-Gewinnerin Angelique Kidjo und Mariam Doumbia, eine Hälfte des legendären Duos Amadou und Mariam, gehören.

Bei dem – das sei jetzt bereits gesagt – mitreißenden Konzert der Band zur Eröffnung des Oldenburger Kultursommers waren diese weiblichen Topstars afrikanisch geprägter Musik nicht dabei. Wirklich bedauern brauchte das allerdings niemand auf dem vielbevölkerten Schlossplatz: Mamani Keita aus Mali, Fifa Ruffino aus Benin und Kandy Guira, geboren in der Elfenbeinküste, aufgewachsen in Burkina Faso, stehen Kidjo und Co. in puncto vitaler Ausstrahlung und kraftvoller Gesangskunst in nichts nach.

Musikalisch bewegt sich das Sextett, zu dem noch ein DJ, Schlagzeuger und Gitarrist gehören, zwischen geschmeidigem R’n’B und luftigen Soul-Nummern. Eine moderne Form afrikanischer Popmusik, angereichert mit elektronischen Effekten und druckvollen, auch mal schwer scheppernden, fast technoiden Beats. Der perlende, hoch klirrende Sound der Gitarre offenbart die spezifisch westafrikanische Herkunft der Formation. Stimmlich sticht vor allem Mamani Keita, mit Jahrgang 1965 die älteste Dame des Trios, hervor. Ihr expressiver, herausgepresst klingender Gesang erinnert stark an die magische Musik ihres malischen Landsfrau Nahawa Doumbia.

Angetreten sind Les Amazones d’Afrique allerdings als kämpferisches, feministisches Kollektiv. Ihre Themen und auch ihr konkretes Handeln sind Kampagnen für eine Gleichstellung der Geschlechter – vor allem, aber nicht nur in Afrika. In vielen Ländern dort leben Frauen bis heute – trotz einer wachsenden und zunehmend selbstbewussten urbanen Mittelschicht – innerhalb der Beschränkungen und Ausgrenzungen eines postkolonialen Patriarchats. Die Band kritisiert Entmachtung und Gewalt durch die zumeist männlichen Familienoberhäupter und prangert sexuellen Missbrauch, den ungleichen Zugang zu Ressourcen und vor allem die weibliche Genitalverstümmelung an.

Mit einer EP, einer Europa-Tournee und einer Crowdfunding-Kampagne haben die „Amazonen“ bereits Geld gesammelt, um im Kongo ein Krankenhaus und eine Stiftung zu finanzieren. Um die 40.000 Frauen und Mädchen sollen davon profitieren. „Frauen leiden überall auf der Welt, sogar hier in Deutschland“, ruft Fifa Rufino ins Publikum. Leider bleibt es bei diesem einen kurzen Statement, die konkreten Inhalte ihrer Songs erklären die in einer westafrikanischen Mande-Sprache singenden Musikerinnen nicht. Der Macht ihrer kraftvollen Musik mit den düsteren Themen tut das keinen Abbruch.

Die schöne und langjährige Tradition mit Musik afrikanischer Herkunft wird auch beim diesjährigen Oldenburger Kultursommer fortgesetzt: Morgen spielt ab 20 Uhr Ava Asante, Enkelin eines ghanaischen Königs, die in ihrer Musik afrikanische Rhythmik mit sphärischer Elektronik verbindet. Am Dienstag um 20 Uhr kommt mit der in London aufgewachsenen Sona Jobarteh eine ganz besondere Musikerin auf den Schlossplatz. Ihre Familie entstammt der Griot-, der Geschichtenerzähler-Tradition in Gambia. Jobarteh ist die erste Frau, die Kora spielt, die westafrikanische Stegharfe. Das Instrument mit 21 Saiten wird traditionell nur von Männern gespielt. Ein musikalischer Tabubruch also und ein weiterer Schlag gegen das afrikanische Patriarchat.

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