Katharina Wagner entwickelt ihre „Meistersinger“-Inszenierung im vierten Jahr weiter

Songcontest auf der Festwiese

Bayreuth sucht den Superstar: Katharina Wagner reibt sich in den „Meistersingern“ an der Deutschtümelei.

Von Bettina FraschkeBAYREUTH (Eig. Ber.) · Die heilige Schrift ist den Traditionalisten leuchtgelb und postkartengroß: das Reclamheft. Leitmotiv in Katharina Wagners Bayreuther Inszenierung von „Die Meistersinger von Nürnberg“, in der das Büchlein stapelweise abgestaubt, memoriert und später auch zerfleddert wird.

Die Zunftmeister (darunter der Kasseler Bassist Mario Klein) sind bei ihr konservative Ritualanhänger, denen die Hefte verehrtes Gesetz sind – so im ersten Aufzug, wo eines feierlich aus einem aufklappbaren Kirchenmodell gehoben wird. Beim Herumreichen werden den Seiten Hostien entnommen und weihevoll auf Meisterzungen gelegt: in Buchstabentreue vereint zum Abendmahl. Für ihre Neuauflage der aus dem Jahr 2007 stammenden Inszenierung hat Katharina Wagner diese Szene zusätzlich eingefügt.

Die Urenkelin des Komponisten verwirklicht das berühmte Prinzip der Werkstatt Bayreuth und entwickelt ihr Regiekonzept im vierten Jahr der Produktion weiter. Es geht ihr spürbar um ein Zuspitzen ihrer Ideen. Dabei übertreibt sie es mit dem visuellen Erklären manchmal allerdings. Die Regisseurin reflektiert die Bedingungen, in denen Kunst in unserer Gesellschaft entsteht, und arbeitet den Einfluss eben der Traditionen aber auch des Kommerzes heraus.

Walther von Stolzing ist ein Objektkünstler (auch das ist neu, in Vorjahren war er Maler) mit Rastalocken (neu) zur Lederjacke (Kostüme: Michaela Barth und Tilo Steffens (auch Bühne). Er baut aus Stuhlbein, Müllsack und Staubsaugerschlauch eine Installation und gesteht Eva seine Liebe, indem er ein Cello mit dicken Pinselstrichen bemalt. Hans Sachs pflegt die Aura des Existenzialisten, dreht Zigaretten bei der Meisterversammlung und fühlt sich nachts an der Schreibmaschine als Dichter.

Die Neubesetzung mit dem wunderbar ausdrucksstarken James Rutherford ermöglicht Katharina Wagner wegen dessen unpapihafter Ausstrahlung noch einen weiteren Regieeingriff: Zwischen Eva (wenig profiliert: Michaela Kaune) und Sachs läuft etwas. Wenn Eva provozierend die Beine auf seiner Schreibmaschine drapiert, wird die Szenerie mit nicht nur schwärmerischer sexueller Energie aufgeladen. Das macht es aber für Klaus Florian Vogt als Stolzing (mit schmelzendem Tenor) schwieriger – bemaltes Liebes-Cello hin oder her: Warum Eva sich für ihn entscheiden sollte, bleibt schwammig.

Stolzing entwickelt sich nun vom Künstler-Querkopf zum Schlagerfuzzi, umgekehrt verläuft die Erweckung des stromlinienförmigen Beckmesser (Adrian Eröd mit prägnanter Artikulation) zum Avantgarde-Künstler. Beim Songcontest auf der Festwiese wühlt er in Erde, während Stolzing in Franjo-Pooth-Aufmachung eine natreensüße heile Welt erschafft.

Katharina Wagner dreht außerdem die Deutschtümelei dieser Oper und ihrer Instrumentalisierer durch die Mangel, lässt eine Art Stefan Raab zähnefletschend grinsen wie nach Lenas Osloer Sieg und verpasst dem Bayreuth-Publikum mit dessen Ablehnung des Regietheaters eine Watschn (der Saal buht die Regisseurin am Schluss auch im vierten Jahr prompt aus). In Details passen die Ideen nicht immer zusammen, doch in den abwechslungsreich gestalteten Aufzügen und in den farbig-flotten, pompfreien Klängen unter Leitung Sebastian Weigles gibt es viel zu entdecken. Sonderapplaus gab es für die von Eberhard Friedrich einstudierten Chöre.

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