Weil das Schauspielhaus wieder mal umgebaut wird, klingt die aktuelle Spielzeit am Theater Bremen blutig aus

Sommerlich geköpft und gepfählt

Lebt noch: Mina (Philipp Michael Börner) vor ihrer ultimativen Hinrichtung. ·
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Lebt noch: Mina (Philipp Michael Börner) vor ihrer ultimativen Hinrichtung. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierPlötzlich gibt es doch noch eine Premiere, nur vier Tage vor Beginn der Theaterferien. Ort: ein unscheinbarer Gang zwischen Schauspielhaus und Moks. Stück: „Dracula“. Motto: „A Tribute to Blutdurst und Unsterblichkeit“. Es ist ein überraschendes und zugleich skurriles Spielzeitende am Theater Bremen. Geschuldet ist es einem kaum weniger skurrilen politischen Entscheidungsprozess.

Weil nämlich die Spielstätte „Schauspielhaus“, die seit ihrer Sanierung 2007 „Neues Schauspielhaus“ heißt, nach nur fünf Jahren schon wieder eines millionenschweren Umbaus bedarf, um anschließend unter dem Titel „Kleines Haus“ zu firmieren, haben einige Schauspieler eigentlich schon seit Beginn dieser Woche frei.

Da sich das Theater aber wiederum den ständigen Umbauten und Umbenennungen zum Trotz immer wieder Rationalisierungs- und manchmal sogar Schließungsdebatten ausgesetzt sieht, könnte die durch die Bauarbeiten erzwungene Freizeit als fatales Signal verstanden werden. Weshalb zur Unterbindung jeglichen Anscheins von unbotmäßiger Ressourcenverschwendung auf die Schnelle dieses Stückchen einstudiert wurde: draußen, weil drinnen ja bereits gebaut wird.

Da sitzt man nun also Mitte Juli auf einer Anhöhe, die für gewöhnlich als Laderampe genutzt wird, und blickt auf den schmalen, mit allerlei Requisiten versehenen Gang: ein Glaskasten links, ein Glaskasten rechts, dazwischen ein Kirchenaltar mit Kreuzen, Kelch und Jesusfiguren (Bühne: Mareen Biermann und Katja Fritzsche). Von rechts, aus Richtung des Schauspielhauses ertönt aus der Ferne ein Trauermarsch. Weit hinten biegt eine Kapelle um die Ecke: sechs bleiche Gestalten mit Trompete, Geige, Trommel. Das Becken schlägt eine Leiche, aufgebahrt auf einem Wagen, gezogen vom Letzten in der Reihe. Eine herrlich bizarre Truppe ist das, die da mit wahren Leichenbittermienen in den Zwischengang einzieht. Fast wie ein szenischer Kommentar auf die absonderliche Umbauwut im Schauspielhaus nebenan.

Es wird dann ein bisschen kompliziert mit der Einführung in den „Dracula“-Stoff. Der Tote wird plötzlich lebendig und stellt sich als Jonathan Harker vor: Hauptfigur aus Bram Stokers Gruselklassiker (gespielt von Thomas Hatzmann). Der Rest der Truppe teilt sich auf in Graf Dracula (Philipp Michael Börner), Graf Dracula (Varia Linnéa Sjöström), Graf Dracula (Gerhard Palder) und nicht zu vergessen: Graf Dracula (Helge Tramsen).

Vier Draculas also, was sich als durchaus sinnvolle Maßnahme erweist, weil jeder einzelne eine eigene Facette des unheimlichen Blutfetischisten zur Geltung bringt. Da ist jener Dracula, der seinen britischen Besucher mit der steifen Haltung eines verklemmten Schlosseremiten empfängt (Sjöström im Anzug und mit fein ausrasiertem Bart). Zugleich aber gibt es den sterilen Dracula im Arzt-Outfit, der sich Gummihandschuhe überstreift, bevor er sich die Hände schmutzig macht (Palder). Und natürlich sehen wir auch den irren Dracula, der beständig wirres Zeug redet und die Augen rollt (Tramsen).

Eine solche Vielfalt kann schon mal unübersichtlich werden. Und genau diese Unübersichtlichkeit ist es, die Harkers Unbehagen für das Publikum sinnlich erfahrbar macht. Zumal das Quartett schon bald zur Tat schreitet, ihn zähnefletschend bedrängt und schließlich kurzerhand im Glaskasten rechter Hand einsperrt. Unten drin, im doppelten Boden.

Fortan wird es teils bemüht, teils lustig und vor allem blutig. Bemüht, weil sich die mysteriöse Überfahrt nach England auf einer Bühne nun mal nicht viel anders als durch Rezitation von Logbucheinträgen beschreiben lässt. Lustig, weil etwa Gerhard Palder einen wunderbar durchtriebenen Fliegen- und Spinnenfresser Renfield gibt. Und blutig, weil nach allerlei Vampirbissen schließlich eine Köpfung und Pfählung ansteht.

Bei Stoker gilt diese grausige Behandlung der untoten Lucy – in Bremen hat Regisseur Sebastian Martin aus dramaturgischen Gründen Jonathan Harker auserkoren, seiner eigenen Verlobten Mina (Philipp Michael Börner) auf diese Weise ein Ende zu bereiten. So wird munter geprügelt und gestochen, gespalten und gehackt. Das Blut spritzt meterweit und literweise, eine Riesenhorrorgaudi zum Spielzeitschluss.

Dass die Souffleuse an diesem Abend so viel zu tun bekommt wie selten, dass mancher Running Gag eine nervtötende Penetranz offenbart und dass nach einer tieferen Bedeutung des Ganzen gar nicht erst zu fragen ist: Das alles erscheint nicht weiter wichtig in einer Produktion, die nichts weiter sein soll als ein sommerlicher Theaterspaß.

Vielmehr bleibt die Freude daran, manchen aus dem Ensemble scheidenden Schauspieler noch ein letztes Mal erleben zu dürfen: Varia Linnéa Sjöström zum Beispiel als verzagten Schlossherrn und verkopften Wissenschaftler Dr. Seward. Und Gerhard Palder, der Renfield und Graf Dracula gleichermaßen eine so betuliche wie abgründige Art verleiht. Thomas Hatzmann als Hauptdarsteller fällt da wegen manch arg atemloser Entsetzensrufe ein wenig ab. Dafür hat er am Ende das meiste Blut abbekommen.

In zwei Monaten geht es am Schauspiel weiter. Hoffentlich mit genauso viel Biss – und ein bisschen weniger Blut.

Weitere Vorstellung: heute um 20.30 Uhr am Theater Bremen.

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