Sommer-Festivals: Hauptsache, die Kasse klingelt

Bringt den Dreck zurück!

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Hauptsache die Sonnenbrille glänzt: Matsch und Dreck sollten beim Hurricane am besten draußen bleiben.

Rotenburg - Von Guido Menker. Liegt es am Alter? Oder ist es einfach zu offensichtlich geworden, wie sehr die wirtschaftlichen Aspekte bei den Musik-Festivals inzwischen den Ton angeben? Egal: Das, was den Fans landauf, landab serviert wird, hat mit dem ursprünglichen Festival-Feeling nicht mehr viel zu tun. Das alles macht keinen großen Spaß mehr. Auch, weil von den Bühnen und den Menschen davor keine Signale mehr ausgehen.

Das war mal anders. Das Wochenende Ende Juli 1986 bleibt unvergessen und ist als das „deutsche Woodstock“ in die Geschichte eingegangen. Mehr als 100 000 Menschen sind ins bayerische Burglengenfeld gereist, um beim inzwischen fünften Anti-WAAhnsinns-Festival dabei zu sein. Es ist der Höhepunkt der Bürgerproteste gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf – und entwickelt sich zugleich zum bis dahin wohl größten Rock-Konzert in der deutschen Geschichte. Gekommen sind aber nicht nur junge Menschen mit dem Bedürfnis, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, sondern auch die damalige Elite in der deutschen Musikbranche. BAP, Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, die Rodgau Monotones, Wolf Maahn, Herwig Mitteregger, Herbert Grönemeyer – und nicht zuletzt Rio Reiser.

Der Frontmann von „Tone, Steine, Scherben“ singt zum Abschluss gemeinsam mit den 100 000 Besuchern im Schein von Feuerzeugen „Somewhere Over The Rainbow“ – die Anti-Atom-Bewegung hat ihr Woodstock. Heute würde Rio Reiser – im August 1996 gestorben – im Schein von Smartphone-Displays singen. Und die Toten Hosen nächtigen natürlich in einer schicken Herberge, eben nicht mehr im „Hosen-Hotel“, das in Burglengenfeld im Prinzip mitten auf dem Festival-Gelände zu finden war und lediglich aus einem Hauszelt bestand, in dessen Eingang sich die Bierdosen-Paletten nur so stapelten. Natürlich muss nicht jedes Rock-, Pop- oder Elektro-Festival mit einer staatstragenden Kampagne gekoppelt sein. Doch warum nur versuchen die Veranstalter, ihren Kunden ein jeweils passendes Lebensgefühl vorzugaukeln? Das, was sich heute auf den Festivals, die inzwischen wie Pilze aus dem Boden sprießen, abspielt, ist vor allem auf wirtschaftlichen Erfolg ausgelegt. Das Festival mutiert zur Gelddruckmaschine – macht sie schlapp, ist es tot.

Flowerpower gibt es nur noch auf dem Kopf.

Die Großen werden immer größer, die Kleinen bemühen sich redlich, schaffen es aber in den seltensten Fällen, sich langfristig zu etablieren. Es gab Zeiten, da gehörten Dreck, Schlamm, Hitze, Regen und Sturm einfach dazu – heute bestimmen sie zusammen mit den Besucherzahlen die Schlagzeilen. Aber nicht die Musik, nicht die Bands auf der Bühne. Und nun versuchen die Veranstalter, den Besuchern auch noch das zu nehmen – also den Dreck, den Staub, den Schlamm, das vom Sturm zerrissene Zelt. Green-Camping, Campinghütten und Ruhezonen wie im Urlaubsresort sind schwer im Kommen. Müllpfand und elektronisches Bezahlen befreien vom geordneten Chaos. Nichts wird dem Zufall überlassen, schon gar nicht, dass es ordentlich in der Kasse klingelt.

Das Hurricane Festival in Scheeßel – die 20. Auflage steigt vom 24. bis 26. Juni – macht da keine Ausnahme. Einst als Gegenpol gefeiert, der auch musikalisch seine Nische gefunden hat, bedient es schon seit mehreren Jahren nicht mehr nur eine klare Zielgruppe. Eine „Alternative“ gibt es da schon längst nichts mehr. Es sollte größer werden und länger dauern – mehr Bands mussten her. Die bis dahin klare Ausrichtung wich der Beliebigkeit. Hauptsache, es ist voll. Man muss kein Prophet sein, um etwa dem „Deichbrand“ eine ähnliche Entwicklung vorherzusagen. Weniger ist bekanntlich manchmal mehr – diese Weisheit ist in Vergessenheit geraten. Das Festival-Geschäft erinnert zunehmend an den Profi-Fußball. Immer höhere Summen werden gezahlt, um die vermeintlichen Top-Stars für sich zu gewinnen. Die Ticketpreise steigen von Jahr zu Jahr. Der Rubel muss rollen. Eine Denke, die inzwischen auch für die Jungs und Mädels auf der Bühne selbstverständlich ist. Wenn sich selbsternannte Punkrocker nur noch von ausgewählten Fotografen auf der Bühne ablichten lassen, Fotografen ihrerseits Knebelverträge unterschreiben sollen, um ihrer journalistischen Arbeit nachkommen zu können, und immer größere Leinwände erforderlich sind, um überhaupt noch etwas zu sehen von dem, was sich da auf der Bühne abspielt, wird aus vermeintlicher Nähe zu den Stars ganz schnell ein distanziertes Verhältnis.

Aus der einstigen Liebe zur Bundesliga und zur Champions-League entwächst die Überzeugung, dass sich wahrer Fußball eben doch eher in der Kreisliga finden lässt. Liegt es also am Alter, wenn sich keine große Freude über die Entwicklung der Sommer-Festivals einstellen will? Es ist schwer zu sagen. Aber so viel ist klar: Es hat beim Bruchhause Open-Air in Bruchhausen-Vilsen mehr Spaß gemacht. Damals, als die Ärzte nicht nur ausgepfiffen, sondern auch noch mit Gummibärchen und anderem Zeugs beworfen wurden, damit sie endlich aufhören. Irgendwie müssen die Leute schon 1986 gefühlt haben, dass nicht immer Punkrock drin ist, wo auch Punkrock drauf steht.

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