Rezension

Somalias komplexe Geschichte

Syke - Am schlimmsten ist es meistens, wenn man aus einem Land gar nichts mehr hört. Mord und Totschlag, Terror und Hunger, darüber berichten die großen Nachrichtenagenturen recht zuverlässig, und die Medien berücksichtigen diese Meldungen – zumindest dann, wenn Deutsche unter den Opfern sind. Somalia ist in dieser Hinsicht ein Land wie jedes andere. Aber eigentlich auch nur in dieser Hinsicht.

Ansonsten belegt es traurige Spitzenplätze in den einschlägigen Indices. Weite Teile des Landes werden von islamistischen Milizen kontrolliert, eine funktionierende Gerichtsbarkeit existiert höchstens in Ansätzen. Regelmäßig wird die Bevölkerung von Hungersnöten heimgesucht. Und dennoch gilt: „Für Somalia gibt es keinen Abschiebestopp“ – so sagte eine Sprecherin von Bundesinnenminister Horst Seehofer kürzlich der Presse.

Dennoch erlebt Somalia seit einer Weile eine Art Boom, berichten Marc Engelhardt und Bettina Rühl in ihrem Buch „Somalia – Warlords, Islamisten, Investoren“. Die beiden Journalisten haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bereist. Die komplexe Geschichte Somalias, das seit seiner Gründung 1960 als Zusammenschluss der britischen und italienischen Kolonialgebiete immer wieder Krieg, Bürgerkrieg und Hungerkatastrophen erlebte, wird hier nachvollziehbar.

Während das Bild Somalias im Ausland gewiss nicht zu Unrecht von Horrormeldungen geprägt ist, erzählen Engelhardt und Rühl aber auch von den Menschen, die immer noch dort leben – oder gar aus dem Ausland zurückgekehrt sind – und versuchen, etwas aufzubauen. Das Foto auf dem Umschlag erzählt auf seine Weise davon. Die unübersehbaren Spuren, die die Auseinandersetzungen um Herrschaft über Land und Ressourcen hinterlassen haben, können nicht verhindern, dass Menschen ihren Geschäften nachgehen – zwar ohne funktionierenden Staat, aber mit Kreditkarte. Ein Hinweis darauf, wer dort eben auch nach seinem Vorteil sucht – Demokratie hin oder her.

Zwar sei Somalia auf die Weltbühne zurückgekehrt, lautet das Fazit der Autoren. Das letzte Kapitel ist dennoch wenig hoffungsvoll überschrieben: „Die Rückkehr der Warlords. Die Zukunft Somalias bleibt unsicher“. Möglich also, dass es mit den schlechten Nachrichten so bald kein Ende nimmt. Diese spannende Buch hilft, die Schlagzeilen einzuordnen.

Lesen

Marc Engelhardt / Bettina Rühl: „Somalia – Warlords, Islamisten, Investoren“, Brandes & Apsel, 268 Seiten, 24,90 Euro.

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