Tanztheater International in Hannover mit erhöhtem Etat

Solo mit Johnny Cash

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Kaori Ito und ihr Vater in „I dance because I do not trust words“.

Hannover - Von Jörg Worat. Nach der Kultursaison ist vor der Kultursaison: Traditionell startet Hannover mit dem Festival Tanztheater International in die neue Spielzeit, dessen 34. Ausgabe mit zehn Produktionen vom 29. August bis zum 7. September stattfindet. Das Programm wurde jetzt vorgestellt.

Eine gute Nachricht vorab: Nach jahrelanger Stagnation ist der Gesamtetat der Veranstaltungsreihe erhöht worden – durch entsprechende Aufstockung der Förderungen kann die künstlerische Leiterin Christiane Winter jetzt mit 390 000 statt 346 000 Euro planen. Insbesondere das Kulturbüro der Stadt Hannover hat sich nicht lumpen lassen und seinen Zuschuss von 135 000 auf 160 000 Euro erhöht. „Das ist eine sehr, sehr große Erleichterung“, sagt Winter. „Zumal die Kosten, etwa für Gagen und Flüge, zuletzt deutlich gestiegen sind.“

„Man glaubt fast, gleich würde Heidi auftreten“: Die Compagnie Peeping Tom hat einen Hang zu gewaltigen Bühnenbildern.

Inhaltlich gibt es in diesem Jahr einen vielschichtigen Schwerpunkt: „Es ging mir um die Frage, wo der Tanz sich selbst thematisiert“, erläutert Winter, „und inwieweit er in dieser Eigenreflexion gesellschaftspolitische Aussagen treffen kann.“ Formenbetonter Tanz steht sowohl zum Auftakt als auch beim Finale auf dem Programm. Zunächst wird die Compagnie von Amala Dianor, Franzose mit senegalesischen Wurzeln, die deutsche Erstaufführung „The Falling Stardust“ präsentieren, und da der Choreograf zwar vom Hip-Hop kommt, aber auch in Neoklassik und zeitgenössischem Tanz bewandert ist, darf man mit einem interessanten Crossover-Projekt rechnen. Und zum Abschluss will die Gruppe um das libanesisch-spanische Duo Guy Nader und Maria Campos in „Set of Sets“ laut Ankündigung „die Gesetze der Schwerkraft erproben“. Beide Veranstaltungen finden in der Herrenhäuser Orangerie statt.

Hannovers kommender Ballettdirektor Marco Goecke wird ebenfalls seine Visitenkarte beim Festival abgeben, und zwar am 4. September im Ballhof 2: Seine Choreografie „Äffi“, Solo für einen Tänzer zu Musik von Johnny Cash, dürfte all diejenigen, denen das nicht ohnehin schon klar war, davon überzeugen, dass Goeckes Handschrift eine grundsätzlich andere ist als diejenige seines Vorgängers Jörg Mannes mit ihrem neoklassischen Einschlag.

Von der kleinsten Spielstätte in die größte: Die belgische Compagnie „Peeping Tom“ nimmt am 1. September das Schauspielhaus in Beschlag, kein Wunder, wenn man den Hang der Gruppe zu gewaltigen Bühnenbildern kennt: „Es wird eine Art Berglandschaft sein“, kündigt Winter an. „Man glaubt fast, gleich würde Heidi auftreten.“

Das wäre indes erstaunlich, haben die Produktionen von „Peeping Tom“ doch häufig einen eher schwarzhumorigen Einschlag. Der mehrdeutige Titel „Kind“ ist in der deutschen Lesart zu verstehen, denn das Stück bildet den Abschluss einer Familientrilogie: Vater und Mutter sind bereits thematisiert worden, jeweils auf sehr schräge Weise, und so wird die Gruppe, die neben dem Tanz stets Schauspiel und Gesang einbindet, auch den vermeintlich herzigen Kinderwelten bizarre Akzente abzugewinnen wissen.

Jugend hier, Alter dort: Die israelische Choreografin Galit Liss bringt für ihr Stück „GO!“, ebenfalls eine deutsche Erstaufführung, 18 Akteurinnen im Alter zwischen Anfang 60 und Mitte 80 mit. Getanzte Lebenserfahrung steht also am 3. September in der Orangerie an, und Christiane Winter beschreibt ihre eigene Reaktion bei der Betrachtung so: „Mir sind die Tränen heruntergelaufen.“

Und generationenübergreifend geht‘s am 31. August in der Musikhochschule zu, denn die Japanerin Kaori Ito wird mit dem eigenen Vater auftreten. Der ist zwar keineswegs ausgebildeter Tänzer, sondern Bildhauer, aber gerade dadurch dürfte die Kommunikation umso spannender ausfallen. Der Titel ist jedenfalls schon mal klasse: „I dance because I do not trust words“.

Ansehen

29. August bis 7. September; der Vorverkauf hat bereits begonnen. Mehr Infos unter: www.tanztheater-international.de

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