Solide unterhaltend: Richard Powers schickt in seinem neuen Roman „Orfeo“ einen Neutöner auf die Flucht vor übereifrigen Ermittlern

Aus der Partitur der Terrorhysterie

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. In Amerika haben sich die Kritiker gar nicht mehr eingekriegt. Ein „magisches“ Buch sei das, hieß es über Richard Powers „Orfeo“, der Autor wurde als „Meister des Romans“ gefeiert. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen, und wer es bis etwa Seite hundert durchhält, mag sich verwundert die Augen reiben. - Von Johannes Bruggaier.

Denn was der Leser bis dahin über den Komponisten Peter Els erfährt, ist nicht allein eine Ansammlung von Klischees: der verkannte Künstler, in der Kindheit gemobbt, von Brüdern traktiert mit Rock‘n‘Roll, im Alter vereinsamt, ein wunderlicher Kauz mit Neigung zu biologischen Experimenten. Es ist darüber hinaus ein Konglomerat sprachlicher Trivialitäten. Da hört man „mitreißende“ Songs, sieht ein „umwerfendes Lächeln“ und „strahlende“ Gesichter, mal „entdeckt“ jemand „seine Liebe zur Chemie“ dann „entdeckt“ eine andere „ihre Liebe“ zu einem Komponisten, und wer nicht gerade „leuchtende Augen“ hat, der ist mindestens „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – aufhören!

Kann sich ein solcher Beginn noch zum Guten entwickeln? Ja, er kann, und darin besteht vielleicht die größte Merkwürdigkeit dieses Romans: In der Widersprüchlichkeit aus klischeehafter Exposition und raffinierter Entwicklung, aus floskeldurchtränkter Sprache und originellem Plot (nicht auszuschließen, dass manche sprachlichen Mängel aufs Konto des Übersetzers gehen).

Denn Peter Els, gealterter Tonkünstler, ist mit seinen biochemischen Experimenten nicht ganz grundlos unter Terrorverdacht geraten. Sein Ziel war die Manipulation einer DNA, ihr Einpflanzen in ein Bakterium, die Sicherung des manipulierten Codes für die Ewigkeit. Man kann damit Kunst produzieren, jene Partitur bereichern, welche die Natur den Zellen allen irdischen Lebens eingeschrieben hat. Man kann damit aber natürlich ebensogut gesunde Organismen angreifen, eine Epidemie auslösen, ein ganzes Volk vernichten. Eine Nation, die sich im Krieg gegen den internationalen Terrorismus wähnt, wird nicht an Partituren denken, wenn Ermittler in einem Wohnhaus auf manipulierte Zellkulturen stoßen.

Els hat Glück gehabt, war gerade nicht zuhause, als die Leute von der „Joint Security Task Force“ sein Anwesen durchwühlten. Jetzt bleibt ihm nur noch die Flucht. Und so irrt er – eben noch verschrobener Neutöner mit Heimlabor, jetzt vermeintlicher Topterrorist – quer durch Amerika. Der Leser sitzt auf seinem Beifahrersitz und blickt mit ihm zurück.

Zurück in ein Leben, das so richtig erst begann, als der junge Peter auf einem Plattenspieler die Ewigkeit hörte: Mozarts „Jupitersinfonie“, dieser unerschöpfliche Mikrokosmos, ein gigantisches Uhrwerk aus Tönen. Sein Leben wollte er damit verbringen, dessen Rädchen auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen. Doch wer damit einmal beginnt, wächst irgendwann darüber hinaus, über die Wiener Klassik, auch über die Romantik.

Das Leben des Peter Els war eine beständige Expedition: immer tiefer hinein in die Unendlichkeit der Klänge, ins Chaos der Natur und damit in die Erkenntnis, Welt und Leben niemals beherrschen zu können. Die Reise führt ihn zu Mahler und Schönberg, zu Strawinsky und Messiaen, in den sechziger Jahren natürlich zu John Cage. Doch während in ihm die Furcht vor der Freiheit weicht, die Seele mit dem Chaos Frieden schließt, wendet sich die Gesellschaft mehr und mehr der Idee einer sicheren Existenz zu. Das Publikum scheut die Komplexität der Avantgarde, Opernhäuser besinnen sich auf finanzielle Sicherheiten, und die Ehefrau ist die ungewisse Auftragslage leid. So zeichnet sich in den konträren Strömungen von Komponist und Gesellschaft die Konfrontation ab: Freiheit gegen Hysterie, Kreativität gegen Angst.

Vieles erklärt sich im Verlauf dieses Prozesses, manches auf besonders eindrückliche Weise, so etwa das wahre Motiv der DNA-Manipulation. Auch die von Beginn an beziehungslos eingestreuten Zitate im Stil bildungsbürgerlicher Kalendersprüche erfahren unverhofft doch noch eine schlüssige, ironische Begründung. Sogar die Phrasen ebben ab, wenngleich dem Autor die Versprachlichung musikalischer Substanz selbstredend nicht annähernd so plastisch gelingt wie Thomas Mann in „Doktor Faustus“. Einer „magischen“ Lektüreerfahrung steht die dem Roman innewohnende Ambivalenz aus Klischee und Originalität zwar im Wege: Ein auf solidem Niveau unterhaltendes Roadmovie ist „Orfeo“ dennoch.

Richard Powers: „Orfeo“; S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2014. 496 Seiten, 22,99 Euro.

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