INTERVIEW Regisseur Marco Storman über die Oper „Jakob Lenz“

„Sogar ein Bär spielt mit“

Marco Storman Foto: Rachel Israela

Bremen - Von Ute Schalz-laurenze. Der 1751 geborene Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz besucht 1778 im Elsass den sozial engagierten Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, um Anzeichen einer paranoiden Schizophrenie auf die Spur zu kommen und den Verlauf der Krankheit vielleicht aufhalten zu können. Um 1836 schreibt Georg Büchner im Alter von 23 Jahren die 1839 veröffentlichte Novelle „Lenz“, für die er hauptsächlich die Berichte Oberlins benutzt. 1977/78 komponierte der damals 27-jährige Wolfgang Rihm nach einem Libretto von Michael Fröhling die Kammeroper „Jacob Lenz“. Sie steht heute wie selbstverständlich auf den Spielplänen vieler Opernhäuser. Rihm bestand darauf, dass Musik voller „Emotion sein muss und die Emotion voller Komplexität“. Marco Storman inszeniert das Werk nun am Theater Bremen. Wir sprachen vor der Premiere mit dem Regisseur.

Herr Storman, es gibt für den historischen 41-jährigen Jacob Lenz, der tot auf einer Straße in Moskau gefunden wurde, nur einen Nachruf von 1792: „Er starb, von wenigen betrauert und von keinem vermisst“. Was interessiert Sie an seinem Schicksal?

Mich intersiert das Phänomen des sensibel Wahrnehmenden einer Gesellschaft hinter der historischen realen Figur, die Künstlerseele in unserer Mitte: Er guckt anders, empfindet anders, er findet keine allgemein zu verstehende Sprache.

Sehen Sie in seiner Krankheit auch eine politisch oder psychologisch zu verstehende Weltflucht, die mit dem zeitgemäßen Idealismus nichts zu tun haben wollte, die vielleicht auch eine Reaktion auf den Rausschmiß aus Weimar war, den Goethe veranlasste?

Ja, unbedingt. Für Lenz ist die Oberflächlichkeit der Welt nicht auszuhalten. Er bohrt tiefer ins Seelische während um ihn alles auf Effekt und Effizienz gebaut ist. Er will und kann diese einfache Sprache der puren Verabredung nicht sprechen. Er sucht den Sinn und den Schmerz. Das hat ganz viel mit Jetzt zu tun.

Die Materialien für Büchners „Lenz“ waren in erster Linie die Rechenschaftsberichte von Oberlin, aber auch Gedichte, Briefe von Lenz‘ Freunden. Haben Sie noch anderes herangezogen?

Nein. Aber wir haben uns mit der Folge der Bearbeitungen beschäftigt: Lenz spricht mit Oberlin, Oberlin macht Aufzeichnungen, Büchner nutzt diese literarisch, und Rihm nutzt diese Vorlage, um von der Außenbetrachtung in die Innenschau Lenz‘ zu gehen.

Der Pfarrer Oberlin kann ihm ebenso wenig helfen wie sein Freund, der Arzt Christof Kaufmann. Wer sind diese beiden für Sie?

Die realen Personen werden uns in dem Werk ja gar nicht vorgestellt. Wir sehen die Fratzen, die Lenz sieht. Oberlin ist die Sehnsucht nach einer Vaterfigur, einem Antwortgebenden. Aber er ist in seiner Ideologie verhaftet, was Lenz durchaus durchschaut. Und Kaufmann, von dem Lenz finanziell abhängig ist, vertritt die Effektwelt, er umgibt sich mit Künstlern, aber er durchdringt Kunst nicht. Künstlerschmuck sozusagen.

Rihm hat die seelischen Situationen emotional nachvollzogen, mit „extremer Kammermusik, immer auf dem Sprung in die Hauptperson“, wie er sagte. Wie erleben Sie Rihms hochemotionale Musik und inwiefern hat sie Ihre Regiearbeit beeinflusst?

Die Musik beschreibt den Zustand des Schizophrenen. Rihm sucht ja nicht die äußeren Umstände, sondern die Inneren, deswegen gibt es Naturstimmen, die Berge, das Wasser, die Sonne. Das sind die Momente, in denen wir uns wegbewegen von der realen Figur, sie führen fast plakativ seine Gemütsamplituden vor.

In der alten Universität in Padua gibt es einen berühmten Hörsaal, in dessen Mitte Leichen seziert wurden. Dieses Rund wird in Bremen für die Aufführung von Jacob Lenz nachgebildet. Wie kam es zu dieser Idee?

Für mich war von Anfang an klar, dass ich dieses Stück nicht in der traditionellen Konfrontation Guckkasten zeigen wollte. Wir suchten einen intimen Raum, eine Art anatomisches Theater: Ausgestellt sein, bewertet werden, ein Mensch wird bei lebendigem Leib seziert. Und als Zuschauer glotzen wir in diese Mitte und warten auf Befriedigung unserer vorgefertigten Bilder eines Wahnsinnigen.

Wie verträgt sich das mit der Tatsache, dass die Natur in Büchners Novelle und auch in der Oper eine so große Rolle spielt?

Da lassen Sie sich mal überraschen. Es wird – alles aus Lenz’ Perspektive – Wasser kommen, es wird Schnee kommen, sogar ein Bär spielt mit und vieles mehr....

Sehen

Aufgrund der besonderen Räumlichkeit gibt es zwei Premieren: am 30. Januar und am 1. Februar jeweils um 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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