Monika Gintersdorfer über „Not Punk, Pololo“ 

Die soften Songs der harten Jungs

Mehr als das, was man hört: Monika Gintersdorfer huldigt der komplexen Wirkungsfunktion des Popkultur. ·
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Mehr als das, was man hört: Monika Gintersdorfer huldigt der komplexen Wirkungsfunktion des Popkultur.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Jede Nation hat ihre dunkle Lichtgestalt, einen Schwerverbrecher, dessen Taten so dreist, so gerissen waren, dass sie ihm die Gesellschaft schon wieder verzeihen mag – ja, dass sie ihn gar als ihren heimlichen Helden verehrt.

In der Elfenbeinküste heißt diese Figur John Pololo, ein Dieb und Mörder, der in den achtziger und neunziger Jahren als Ikone einer Gangster-Kultur mit dem Label „Pololo-Bewegung“ wurde.

Das Choreografenduo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen widmet dieser Bewegung nun einen eigenen Abend. Für „Not Punk, Pololo“ haben sie eine illustre Truppe zusammengestellt, darunter auch Künstler wie „Goldene Zitronen“-Gitarrist Ted Gaier oder der Liedermacher Hans Unstern. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht Monika Gintersdorfer über Musik für harte Jungs und die Komplexität des Pop.

Frau Gintersdorfer, „Not Punk, Pololo“ gilt als Ihre bisher größte Produktion. Nicht weniger als 17 Akteure werden auf der Bühne zu sehen sein. Das ist für zeitgenössischen Tanz ziemlich viel. Besteht da nicht die Gefahr, dass die Ästhetik diffus wird?

Gintersdorfer:Wenn man weiß, was man zeigen möchte, und das mit klaren Haltungen verbunden ist, besteht diese Gefahr nicht. Die meisten Akteure kommen ja selbst gar nicht aus dem zeitgenössischen Tanz, sondern aus anderen Bereichen, etwa dem Showbusiness oder der Musik. Verbreitete Vorstellungen über den zeitgenössischen Tanz sind für uns deshalb kein Maßstab. Wir versuchen vielmehr ein Stück über Sachverhalte zu kreieren, die uns interessieren. Und dabei gehen wir sehr stark von den Persönlichkeiten der Beteiligten aus.

Was bedeutet das?

Gintersdorfer:Das bedeutet, dass wir uns mit Ausdrucksformen beschäftigen, für die einzelne Mitglieder unserer Gruppe auch persönlich stehen. Dabei können wir natürlich nicht davon ausgehen, dass jeder einzelne unseres Ensembles in seinem Leben bereits eine klar umrissene ästhetische Position entwickelt hat: Manche sind noch sehr jung, andere sind schon erfahrener.

Und viele sind nicht Tänzer, sondern Musiker.

Gintersdorfer:Ja, wir bringen ein ganzes Live-Orchester auf die Bühne. Auch das ist neu. In unserer letzten Bremer Produktion „Mobutu choreografiert“ beispielsweise ging es zwar den ganzen Abend um Musik, zu hören war sie aber nicht. Das Publikum musste sie sich schon selbst vorstellen, mit Hilfe der sprachlichen und körperlichen Interaktion auf der Bühne.

Diesmal also Musik statt Sprache?

Gintersdorfer:Wir versuchen, Sprechszenen zu vermeiden. Man soll in einen Flow kommen, in dem man die Verbindung von Musik und Körper immer wieder neu definiert. Das geht sehr stark über die Sinne. Popmusik zum Beispiel besteht ja nicht nur aus dem, was man hört, sondern auch aus dem Image, das sich der Künstler gibt. Daraus entsteht eine eigene ästhetische Ebene. Und manchmal entsteht zwischen Musik und Image eine Lücke.

Wie muss man sich das vorstellen?

Gintersdorfer:In den späten Achtzigern ist in der Elfenbeinküste die sogenannte Pololo-Bewegung entstanden, die als Ausdrucksform der harten Jungs galt. Mit Pololo sollte das Brutale schick werden, und eine Gruppe schrieb dazu die passenden Songs. Als wir Ted Gaier diese Songs vorgespielt haben, war er verblüfft: Das soll die Musik der Brutalos sein? Das hört sich doch ganz soft an!

Ted Gaier verbindet mit dem Image harter Jungs eben eben eine andere Musik als ein Ivorer dies tun würde.

Gintersdorfer:Und gerade darin zeigt die ganze Komplexität der Wirkungsweise von Popmusik. Popmusik wirkt nämlich nicht allein durch das, was man hört. Entscheidend ist vielmehr auch die damit verbundene Lebenshaltung. Und drittens spielen dann auch noch Ästhetiken eine große Rolle, die sich über Outfits, CD-Cover oder Videoclips vermitteln. All das zusammen ergibt die spezifische Wirkung eines Popsongs.

Wie wollen Sie diese Komplexität auf die Bühne übertragen?

Gintersdorfer:Wir reflektieren dieses Phänomen aus ganz unterschiedlichen Kontexten heraus. Manche unserer Tänzer kommen aus dem zeitgenössischen Tanz, andere tanzen in andere Szenen, etwa dem Voguing oder dem Couper Decaler. So müssen immer die einen in die Ästhetik der anderen hineingenommen werden.

Diese Akteure, die sich der fremden Ästhetik erst annähern müssen, findet man oft in Ihren Produktionen.

Gintersdorfer:Ja, das ist unsere Arbeitsweise. Wir arbeiten immer mit gemischten Teams. Da gibt es Künstler, die für eine bestimmte Haltung stehen, und andere, die sich mit ebendieser Haltung erst auseinandersetzen müssen. Beim Publikum führt das zu sehr unterschiedlichen Interpretationen. Mancher nimmt das als Angebot zum Einstieg in die fremde Ästhetik wahr, weil diese ihm selbst ja auch fremd ist. Viele fühlen sich irritiert und fällen Urteile: Warum kann der eine das nicht so gut tanzen wie der andere? Wieder andere stellen sich Fragen zur Definition. Wenn jemand diesen Tanz praktiziert, dem diese Bewegungsabläufe erkennbar schwer fallen: Handelt es sich das dann überhaupt noch um diesen Tanz? Oder nicht um etwas ganz anderes, wofür man einen eigenen Namen finden müsste?

Ist es zu pathetisch formuliert, wenn man diese Reibung an dem Fremden als Ringen um die eigene Identität bezeichnet?

Gintersdorfer:Menschen, die an sehr verschiedenen Orten leben, können heute leicht miteinander kommunizieren. Gerade das kann zu einer Bewusstwerdung der eigenen Identität führen. Das gilt übrigens insgesamt für das Phänomen der Popmusik, die ja oft in ganz privatem Rahmen gehört wird: zuhause im Jugendzimmer oder bei Freunden. Da die Musik selbst aber sich oft auf die Welt bezieht, entsteht eine Gleichzeitigkeit von Alleinsein und sich trotzdem mit allen verbunden fühlen.

Allein und doch gemeinsam?

Gintersdorfer:Es ist eine völlig andere Herangehensweise als etwa in der Klassik. Ein Komponist wird immer versuchen, Musik möglichst präzise zu notieren. In der Popkultur dagegen schwingt das Imperfekte immer mit: von Fehlern in der Aufnahmetechnik bis zur Tagesform des Sängers. Und auf Hörerseite kommt noch die aktuelle Situation hinzu: Genau in dem Moment, als ich den Titel XY hörte, hat mir doch mein Freund den Antrag gemacht. Weil diese komplexen Koppelungen Popmusik ausmachen, kann ein Poptitel niemals hundertprozentig kalkuliert werden. Gerade diese Durchlässigkeit zur Welt aber macht Popmusik für viele Menschen so interessant. Das ist jetzt eine bisschen simple Beschreibung, Diedrich Diederichsen und andere beschreiben diese Zusammenhänge seit vielen Jahren in einer höheren Komplexität.

Premiere morgen um 20 Uhr im Theater Bremen, Kleines Haus.

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