Smalltalk statt Rendezvous

Ute Lemper beleuchtet in der Glocke das Leben von Marlene Dietrich

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Alte Titel in atemberaubenden Interpretationen: Ute Lemper bei ihrem Auftritt in der Bremer Glocke.

Bremen - Von Ulla Heyne. Schier endlose Beine im langen schwarzen Kleid mit noch längerem Schlitz, auch mit 55 Jahren eine attraktive Erscheinung - doch als Musicalstar Ute Lemper am Samstagabend den gut zur Hälfte gefüllten Saal der Bremer Glocke betritt, ist irgendetwas anders. Was bloß? Es ist wohl weniger die Optik als die vielmehr die Akustik, oder, wie in den Saal gewispert wird: „Guck mal, wer das spricht!“ Wer vorher ins Programmheft geschaut hat, ist im Bilde: Es ist die Stimme der Dietrich, steht der Abend doch unter dem Motto „Rendezvous mit Marlene“. Gewöhnungsbedürftig ist sie, die nuschelnde Diktion, die eher an ein Likörchen mit Udo Lindenberg erinnert als an ein Zwiegespräch mit der Diva.

Überhaupt reduziert die Lemper den Hollywood-Star, mit dem sie am Anfang ihrer Karriere gern verglichen wurde, zunächst auf Alkohol - vorzugsweise Moet & Chandon, „aber Wodka und Pillen tun es auch.“ Die Lemper darf das, schließlich ist das Telefonat der 24-jährigen Ute mit der damals 87-Jährigen, das dem Programm den Rahmen gibt, nicht fiktiv, sondern hat tatsächlich stattgefunden. Damals, als die junge Deutsche in Paris die Sally Bowles in „Cabaret“ spielte. Genau hierin, das sollen die folgenden zweieinhalb Stunden voller Lieder und Dia- und Monologe der emigrierten Hollywood-Stars der Kriegs- und Nachkriegszeit zeigen, liegt allerdings auch die Crux, will man das Konzert nicht als Liederabend mit etwas textlichem Rahmen abtun.

Für eine fiktive Annäherung an einen entrückten Star würde das Wikipedia-Wissen, das da im ersten Teil abgearbeitet wird, reichen. Die Erwartungen, die die groß angekündigte persönliche Begegnung mit der alternden Stilikone weckt, werden jedoch kaum befriedigt. Dabei wirft die Vita der bereits 1928 in die USA emigrierte Sängerin und Schauspielerin so viele Fragen auf, die es zu vertiefen gälte - allen voran die Thematik ihrer Meldung zum US-Militär, um sich im zweiten Weltkrieg als Truppenbetreuerin von einem Krisenherd zum nächsten zu singen. Dies wird nur angerissen, ebenso wie der folgende Hass und der Vorwurf des Vaterlandsverrats, der ihr später bei Besuchen und Auftritten in ihrer alten Heimat immer wieder entgegenschlägt.

Nun macht die Zeitgeschichte, die Ute Lemper mit ihren Textpassagen evoziert, nur einen Aspekt des Abends aus. Im Kern steht immer noch die Musik. Hier gelingt der Münsteranerin dank ihrer Band aus Bass, Geige, Klavier und Schlagzeug Beachtliches: statt musikalische Stationen der Dietrich wie die „Fesche Lola“ lediglich abzuarbeiten, interpretiert die jazzorientierte Formation jeden Titel atemberaubend modern und hüllt sogar arg strapazierte Weisen wie „Sag mir, wo die Blumen sind“ oder Dylans „How many Roads“ in ein neues, spannendes Haute Couture-Gewand. Davon profitiert auch der wohl bekannteste Marlene-Song „Lilly Marleen“ - eine „Schnulze mit Leichengeruch“, die Göbbels gehasst habe wie die Pest.

Zu Höchstform läuft Ute Lemper auf, wenn sie, da blitzt die Musical-Herkunft durch, sich nicht aufs Singen reduziert - was mit tiefer Stimme und viel Hall leidlich gelingt –, sondern tanzen und performen darf. Da lebt - Ute hin, Marlene her - die Strahlkraft des Blauen Engels. Wenn sie eindringlich Jacque Brels „Ne me quitte pas“ hauchen darf - hier Marlenes großer Liebe Jean Gabin gewidmet - oder „Que reste-t‘il“ für ihre Liebhaberin Edith Piaf oder bei einem der zahlreichen Friedrich Holländer-Songs Federboa sowie Beine schwingt, dann erspielt sie sich am Ende stehende Ovationen.

Was bleibt bei dieser Begegnung zweier Stars? Vielleicht nicht der Tiefgang, den sich mancher von der inhaltlichen Beschäftigung mit der „Femme Fatale“ erhofft hatte, zumal Ute Lemper Quellen wie einen persönlichen Besuch bei Dietrich-Freund Billy Wilder heranziehen durfte. Smalltalk statt Rendezvous: zumindest ein höchst unterhaltsamer Blick auf ein Stück musikalische Zeitgeschichte.

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