SERIE: DIE NEUNTE KUNST

Julia Bernhard blickt auf alltägliche Gängelei

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Wer in den vergangenen 40 Jahren irgendwas mit Sprache studiert hat, wird sich an den Satz von Watzlawick erinnern, dass man „nicht nicht kommuzieren“ könne. Manchmal wäre das allerdings wirklich besser, möchte man beim Lesen von Julia Bernhards Comicdebüt ergänzen. Am Anfang von „Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ ist es diese Oma, die beim Essen nervt. Aus der Perspektive der (meist unsichtbaren) Autorin müssen wir uns vollquatschen lassen: Warum wir noch keinen Freund haben, ob uns nicht klar ist, dass es ab 30 schwieriger wird mit der Fortpflanzung, warum wir immer noch studieren – und wieso wir denn jetzt schon wieder los müssen.

Klar sind das Klischees, genauso klar ist aber auch, dass sie auf der nächsten Familienfeier wieder Realität werden. Julia Bernhard geht es auch gar nicht darum, sie mit Leben zu füllen, oder ihnen gar sympathische Eigenheiten abzuringen: Die Gesichter der Sprechenden sind vorsätzlich starr, die Sprache getippt – schon formal ist sofort klar, dass hier mit lockerem Smalltalk nicht zu rechnen ist. Die größte Dynamik kommt lustigerweise in den Seiten zum Kapitalanfang auf, in denen sich die Sprecherin auf dem Sofa zusammenkauert und schließlich für immer in der Ritze des Möbelstücks verschwindet.

Nach der grässlichen Oma geht es weiter: die Freundinnen sind auch nicht besser, mit ihren Beziehungsgeschichten, Tipps und Anmaßungen. In drei wirklich bezaubernden Zwischensequenzen wird die Erzählerin auch noch von ihrem Hund, einer verdorrenden Zimmerpflanze und dem Toaster beleidigt. Dass es nicht nur ihr, sondern eigentlich allen so geht, zeigen Schwenks an die Nachbartische, wo stilisierte Pärchen flirten, streiten und einander missversehen.

Julia Bernhards in Lachs und Khaki ungemütlich kolorierte Welt besteht fast nur aus solchen Gesichtern – und den paar Hilfsmitteln, die es braucht, um einander das Leben zur Hölle zu machen: Computer zum Chatten etwa, oder Omas gutes Kaffeeservice. Auch der reduzierte Zeichenstil fokussiert gekonnt auf Mimik und dieses Spiel mit der Perspektive. Wenn das Gegenüber zum nächsten Tiefschlag ausholt, senkt sich der Blick aufs Kuchenstück, oder wandert im Café zu den anderen Tischen hinüber.

„Wie gut, dass wir darüber geredet haben“ ist eine rohe Arbeit, die Spaß macht, dabei aber nicht unbedingt glücklich. Es ist fast ein bisschen lustig, wie immer alles noch schlimmer wird, wenn man sich gerade am Tiefpunkt wähnt. Es hat jedenfalls etwas Befreiendes, diese alltäglichen Sprachverbrechen als tobenden Irrsinn entlarvt zu bekommen – vielleicht hilft es ja sogar ein bisschen, die passiv-aggressiven Gängeleien der Mitmenschheit beim nächsten Mal schnell zu erkennen. Und dann rechtzeitig in Deckung zu gehen.

Selbst lesen

Julia Bernhard: Wie gut, dass wir darüber geredet haben. Avant 2019, 96 Seiten, vierfarbig, 20 Euro.

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