Sittengemälde mit Schatten

Elina Finkel inszeniert Tschechows „Möwe“ in Oldenburg

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Unglück im Glück: Nina Michailowna (Katharina Shakina) erfüllt sich zwar ihren Lebenstraum – aber was sie eigentlich wollte, bekommt sie nicht. 

Oldenburg - Von Rolf Stein. Es ist wenig mehr als fünf Jahre her, dass Elina Finkel Tschechows „Die Möwe“ (1895) in einer eigenen neuen Übersetzung am Stadttheater Bremerhaven inszenierte. Nun hat sie sich das Stück noch einmal vorgenommen.

Die Kulisse (Bühne und Kostüme: Doey Lüthi) ist, wie seinerzeit auf seine Weise in Bremerhaven auch, eindrucksvoll schlicht: Eine Tribüne aus Industriepaletten, die zugleich aufs Theater sowie zugleich auf etwas Unbehauenes verweist. Davor schwingt ein Vorhang aus Lametta, im ersten Teil golden, im zweiten silbern. Ferner sind ein ausgestopfter Hase und eine kleine Verstärkeranlage zu sehen.

Auf diesem nur ungenügend mit ein wenig Glam verzierten Verhau begegnen wir dem klassenübergreifenden Mehrgenerationenprojekt Sinnsuche: der alte Pjotr, der gern weggekommen wäre von dem Provinzflecken, seine Schwester Irinia Arkadina, die als Schauspielerin Erfolge feierte, deren Karriere aber in der Krise ist; ihr Liebhaber, der Schriftsteller Trigorin, der lieber den ganzen Tag angeln würde, als immer schriftstellern zu müssen; Irinas Sohn Konstantin Gawrilowitsch, kurz: Kostja, der selbst Dichter werden will, um alte Formen zu zerschmettern, und seine Geliebte Nina Michailowna, die gern wäre wie Irina. Dann gibt es noch den Verwalter Ilja, dessen Frau Polina und beider Tochter Mascha sowie Pjotrs Pfleger Medwedenko als Vertreter der unteren Stände (bei Tschechow sind es noch ein paar Figuren dieser Kategorie mehr).

Zweieinhalbstündiger Abend

Im Streben vor allem der Angehörigen der Oberschicht nach Selbstverwirklichung spiegeln sich die Generationen ineinander: Irina Arkadina ist schon von dem enttäuscht, was Nina Michailowna heftig ersehnt. Kostja möchte im Grunde das, was Trigorin erreicht hat – wozu zugleich die Abgrenzung von dessen Stil gehört.

Im zweiten Teil des mehr als zweieinhalbstündigen Abends hat sich im Grunde wenig geändert – nur, dass Kostja und Nina inzwischen ihre Illusionen weitgehend verloren haben, während der Rest der Gesellschaft sich im Immergleichen ergeht und damit zugleich die Vergangenheit repräsentiert, zum anderen aber auch die Zukunft Kostjas und Ninas. Was durch ein Ensemble ausgestopfter Tiere (sämtlichst vom Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch ausgeliehen) bebildert wird: Sie stehen für ein gelebtes Leben, das damit abgeschlossen ist und nur noch als Konserve weiter existieren kann. Kostja verzweifelt an dieser Dauerlaberschleife, in die Finkel die Schauspieler in fast peinvoller Länge schickt.

Wunderbar mosernd

Womit wir beim Ensemble wären, das Elina Finkel zu einer geschlossenen Leistung führt. Sozusagen als Gravitationsfeld fungiert der alte Pjotr, wunderbar mosernd vom wuchtigen, aber hier geradezu fragil wirkenden Thomas Lichtenstein, ja, verkörpert. Als sein junges Spiegelbild zieht Rajko Geith ala Kostja alle Register jugendlichen Drangs. Katharina Shakina als Nina Michailowna vollzieht die Entwicklung ihrer Figur vom naiven Mädchen zur verbitternden jungen Frau mit Verve. Caroline Nagel als Irinia Arkadin und Jens Ochlast als Trigorin, Thomas Birklein als Doktor, Andreas Krämer als bisweilen etwas verschlagener, zudem sehr schön musizierender Verwalter, Nientje C. Schwabe als dessen bodenständig-herzliche Gemahlin vervollständigen mit subtilen Rollenporträts das schlüssige Sittengemälde. Jenes erfährt obendrein durch das Notlösungspärchen aus Mascha (auffällig intensiv: Rebecca Seidel) und dem Pfleger Medwedenko (überzeugend: Alexander Prince Osei) noch ein paar kräftige Schlagschatten.

Und was hat das mit uns zu tun? Das Schöne an Tschechow ist ja unter anderem, dass er seine Figuren so empathisch gestaltet, dem unangenehmsten Ehrgeizling noch sympathische Seiten zuteil werden lässt, andererseits auch keine echten Helden schafft. Er hat das bürgerliche Individuum so gut verstanden, dass er dessen Kern freilegen kann, der – wenn nicht zeitlos – aus bekannten historischen Gründen eben überzeitlich und deswegen bis heute Gültigkeit hat. Ein schöner Abend, diese „Möwe“.

Die nächsten Vorstellungen: 

Samstag, 2. & Samstag, 9. Dezember, 20 Uhr, Sonntag, 17. Dezember, 18.30 Uhr, Kleines Haus Oldenburgisches Staatstheater.

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