Gott sei Dank gibt‘s die Musik

Nett, aber sinnentleert: „Siroe“ am Oldenburgischen Staatstheater

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In Oldenburg trifft eine barocke Kulissenbühne auf Papp-Panzer und Raketen – wohl als trivialer Verweis auf aktuelle Politik.

Oldenburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Lügen, Intrigen, Bruderzwist, heimliche Liebschaften, Rivalitäten, Machtgier, Erbschaftskrieg, Volksrevolte: In der Opera seria „Siroe – Re di Persia” aus dem Jahr 1733 von Johann Adolf Hasse, dem seine Zeitgenossen den Ehrentitel „Il divino Sassone“ („Der göttliche Sachse“) verliehen, geht die Post ab.

1763 entstand eine zweite, stark überarbeitete Fassung, die jetzt auch in Oldenburg zu hören ist. Um was geht es konkret? Es geht um zwei Brüder, einer tugendhaft, einer intrigant – und natürlich um Macht und Vaterliebe. Der autoritäre Vater, der persische König Cosroe, versichert sich der Treue seiner beiden Söhne Siroe und Medarse, bevorzugt in der Thronfolge aus machtpolitischen Gründen den Jüngeren.

Das Ganze wird mit schöne Frauen garniert, die den selben Mann lieben. Eine Prinzessin, die sich als Mann Zugang zum Hof verschafft, um den Tod ihres Vaters zu rächen, den Cosroe im Krieg getötet hat, verliebt sie sich leider in dessen Sohn Siroe, der in seiner tugendhaften Blauäugigkeit an das Gute im Menschen glaubt. Das ist alles sehr verwickelt und kann nur durch ein Happy End gelöst werden.

Reizvoller Stoff mit kritischen Aspekten

Das war schon vor rund 300 Jahren ein reizvoller Stoff und ist es auch heute noch. Daraus ließe sich etwas Spannendendes und Intelligentes inszenieren. Hinter der platten Oberfläche, die von den damaligen Konventionen bestimmt wurde, schlummern durchaus kritische Aspekte. Leider gelingt es Jakob Peters-Messer in seiner Oldenburger Inszenierung nicht, zu diesen vorzustoßen. 

Die Solisten hoppeln mal von links, mal von rechts – auch von hinten ist möglich – auf der Bühne herum. Sie dürfen mal mit Totenköpfen spielen, mal mittels einer Rakete sich entfernen, auf dem Vorhang erscheint mittels Videotechnik ein bunter Vogel. Das ist alles recht nett, ergibt aber keine sinnreiche Lesart. Ist wohl als trivialer Verweis auf aktuelle Politik zu bewerten.

Markus Meyer (Bühne und Kostüme) und Guido Petzold (Licht und Video) liefern dazu eine mehr oder weniger plakative Bühnengestaltung, eine abgedroschene Mischung aus barocker Kulissenbühne und diversen modernen Accessoires im Sinne barocker Allegorien (überdimensionale Handgranate, Düsenjäger, Rakete und Ähnliches). Bei der Kostümierung, die irgendwo zwischen barockem Überschwang und moderner Straßenkleidung anzusetzen ist, geht es ähnlich disparat zu. Fazit: Eine Aufführung, deren Sinn man allenfalls erahnen kann.

Mitreißende Lebendigkeit und großer Abwechslungsreichtum

Gott sei Dank durchläuft die Musik von Hasse sämtliche Stadien von Glück, Hoffnung Trauer, Missgunst und Tod. Zwar zündet Hasse keine normverletzenden Sprengsätze bezüglich der Konzeption der Arienform und der Rezitative, doch wie er mit den vorgefundenen barocken Formen umgeht, ist von mitreißender Lebendigkeit und großem Abwechslungsreichtum. So stehen farbig instrumentierter italienischer Arien-Furor neben deutscher Singspiel-Attitüde. Und hier leisten Solisten wie Musiker Grandioses, stellenweise Weltklasse.

Wolfgang Katschner, der ein ausgewiesener Kenner barocker Musik ist, lädt die lyrische wie gleichermaßen dramatische Partitur nicht mit zusätzlicher Emphase auf und gelangt so in bildkräftigen Situationen zu prallen klanglichen Gesten. Die Sorgfalt und Versiertheit, mit der er die Rezitative begleitet und gestaltet, überzeugen zutiefst. Das Oldenburger Staatsorchester, bereichert durch historische Instrumente, folgt seinem Dirigat mit überzeugender Flexibilität.

Das Gesangsensemble agiert ebenfalls vorzüglich und beweist eine beachtliche Souveränität im Umgang mit dieser Musik, die alles andere als leicht zu singen ist. Unter den Sängern ragt neben der eindrucksvoll leidenden und liebenden Lodice (Myrsini Margariti, Sopran) vor allem Countertenor Nicholas Tamagna als fein und dramatisch gestaltender Siroe hervor, der sich gleich zu Beginn unerschrocken ins virtuose Getümmel stürzt. 

Solisten überzeugen

Auch die übrigen Solisten überzeugen: Yulia Skolik (Sopran) als intriganter Bruder Medarse mit hübsch-gehässigem Ausdruck, Hagar Sharvit (Sopran) als Emira, Martyna Cymerman (Arasse, Sopran), sowie der beißend scharf artikulierende Philipp Kapeller (Tenor) als machtbesessener König Cosroe, dem aber am Ende etwas die Luft ausgeht und damit dadurch glaubhaft macht, dass er als König in Rente gehen muss.

Und so beeindruckt diese Inszenierung vor allem unter musikalischem Aspekt und ist dazu angetan, Barockfans mit einer reizvollen Oper bekannt zu machen. „Siroe“ ist eine Kooperation mit der Nederlandse Reisopera und geht anschließend auf Tournee.

Weiter Termine: Morgen, Freitag sowie am 12., 14., 20., 22. und 27. Dezember, um 19.30 Uhr.

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