Über den Versuch einer Kommunikation: Das Festival „Phil-Intensiv“ der Bremer Philharmoniker

Sinfonik, Rock und Jazz

Gast beim Bremer Brückenschlag zwischen Jazz und Klassik: Arrangeur Sammy Nestico.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze(Eig. Ber.) · Ein paar lachten – nur wenige – , ein paar gingen hinaus – nur wenige – , ein paar hielten sich die Ohren zu – auch nur wenige – , einer sagte: „Den Krach muss ich nicht haben!“.

Ja, wir berichten vom letzten Philharmonischen Konzert mit dem Titel „phil intensiv – aufbruch“, das heute Abend und morgen seine Fortsetzung findet. Die große Mehrheit hat den Versuch der Bremer Philharmoniker, klassische Werke „neu zu entdecken und die Aufmerksamkeit auf bislang Ungehörtes zu lenken“ (Markus Poschner) angenommen: die Konzerte sind nahezu ausverkauft.

Schon das Erscheinungsbild des Orchesters war ungewohnt: Es saß rechts und links die Big Band des SWR. Poschners Versuch, den Blick und das Gehör auszuweiten, trifft sich mit dem Kompositionsversuch des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür, der mit seiner 5. Sinfonie (2004) für Sinfonieorchester und Big Band den Versuch machte, die so unterschiedlichen Welten sich gegenseitig befruchten zu lassen: „Mich interessiert die Kommunikation zwischen den Welten der Sinfonik, des Rock und des Jazz“ (Tüür) .Das klappt nicht immer, viel Angestrengtes ist dabei, aber mehrheitlich auch viel Schönes. Zum Beispiel die Übergänge in den anderen Klangbereich lassen enorm aufhorchen, das plötzliche Heraustreten der E-Gitarre (Nguyên Lê) wirkte regelrecht magisch und der letzte Satz zaubert eine energiegeladene Synthese. Ein bemerkenswertes Experiment, das vom Publikum auch so wahrgenommen wurde.

Was könnte dazu besser passen als Antonín Dvoráks 1904 entstandene Sinfonie „Aus der neuen Welt“, mit der man von dem neuen Kompositionsprofessor in New York erwartete, dass er den Amerikanern hilft, ihre eigene Musik zu finden. Er tat es, indem er die Eigenarten der „Neger- und Indianermusik“ seinen Themen einverleibte und ein Werk von seltener Vitalität zu schaffen. Der langsame Satz jedoch mit seinem unbeschreiblichen Englisch-Horn-Thema erzählt von ebensoviel weiter Landschaft wie Wehmut, vielleicht ein Ausdruck von Dvoráks Heimweh. Die Interpretation zeigte erneut Poschners Begabung und Fähigkeiten: Er hat einerseits genaue Vorstellungen, von dem, was er will – das hört man, aber er kann auch zuhören und im Konzert durchaus auf das eingehen, was vom Orchester kommt – das hört man auch. Die Ausgeglichenheit zwischen vitaler Energie und meditativer Ruhe, die gerade dieses Werk auszeichnet, war in dieser Aufführung beispielhaft großartig. Immer wieder staunt man, wie aus der übergreifenden explosiven Dramaturgie sich Instrumentalinseln von intensiver Schönheit herausbilden – natürlich ganz besonders das Englisch Horn, dessen Spieler Poschner beim Applaus umarmte: überdeutliches Zeichen einer Sternstunde.

Heute Abend sind neben der 2. Sinfonie von Ludwig van Beethoven – deren unberechenbarer Stil Poschner die Idee der Begegnung von Improvisation und Komposition gab – Jazzimprovisationen über die Themen der Sinfonie zu hören. Dabei tritt Dirigent Markus Poschner als Pianist auf.

Morgen erklingt „The Magic Sound of Big Band“. Beide Konzerte finden jeweils um 20 Uhr in der Bremer Glocke statt.

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