Das Ensemble New Babylon spielt Werke von Morton Feldman im Sendesaal

Simpel und klangschön

Auf Neue Musik spezialisiert: das Ensemble New Babylon aus Bremen.  
Foto: Sendesaal
+
Auf Neue Musik spezialisiert: das Ensemble New Babylon aus Bremen. Foto: Sendesaal

Bremen – Glückliche Gesichter bei den Musikern und beim Publikum: Auch im Sendesaal gibt es wieder Konzerte. Natürlich unter strengsten Vorschriften und natürlich nach harter Konzeptionsarbeit, was man wie unter den neuen Umständen bieten kann. Das auf Neue Musik spezialisierte Bremer Ensemble New Babylon bietet vier Konzerte an: „Ein Stück, ein Konzert“. Es gibt keinen Pausenstress und genug Werke, die es verdient haben, einmal eine Konzentration zu provozieren, die keine Ablenkung oder ein Vielerlei zulässt. Damit stehen die Stücke auch immer auf einem einsamen ästhetischen Prüfstein wie jetzt das 1985 entstandene „Piano and String Quartet“, das der amerikanische Komponist Morton Feldman selbst als sein liebstes bezeichnete: „Es hat alles, was ich jemals gewollt habe.“

Was er wollte und womit er Musikgeschichte gemacht hat: „Die Klänge sollten für sich stehen – wie Skulpturen im Raum – ohne auf etwas zu verweisen oder etwas anderes abzubilden als sich selbst.“ Das stellt mehrere Hundert Jahre Musikgeschichte auf den Kopf. In Feldmans Musik gibt es keine Melodie, keinen Rhythmus, kaum Dynamik, sondern eher stehende Akkorde, die sich im Laufe von unendlich erscheinender Zeit minimal verändern. So dauert sein 1983 entstandenes zweites Streichquartett über fünf Stunden. Sehr viel länger als „Piano and String Quartet“, das mit seinen eineinhalb Stunden auch schon recht provokant daherkam, weil im Grunde nichts passierte. Zumindest sehr wenig: Einem arpeggierten Akkord vom Klavier wird vom Streichquartett geantwortet – und das immer wieder in winzigen Tonhöhen-, rhythmischen und dynamischen Nuancen, später geht es auch einmal umgekehrt.

Die Pianistin Mireia Vendrell del Alamo und die Geiger Johannes Haase und Ekkehard Windrich, die Bratschistin Yuko Hara und die Cellistin Esther Saladin schufen eine dichte und intensive Atmosphäre der ebenso simplen wie klangschönen Struktur. Je weniger in der Musik passiert, desto mehr entwickelt sich in der Fantasie der Hörer – oder auch nicht, denn die Musik von Feldman bleibt in ihrer Radikalität fragwürdig. Er hat einmal gesagt, er komponiere aus Trauer darüber, dass Schubert gestorben sei. Die Längen in der Musik von Schubert führen allerdings in sehr viel betörendere und berauschendere Landschaften als die von Feldman. Viel herzlicher Beifall.

Hören

Am 30. August, 19 Uhr spielt das Ensemble New Babylon im Sendesaal Hans Werner Henzes „El Cimarrón“.

Von Ute Schalz-laurenze

Morton Feldman Foto: Rob Bogaerts / Anefo

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

China droht Großbritannien wegen Hongkong-Einmischung

China droht Großbritannien wegen Hongkong-Einmischung

Georgias Filmorten auf der Spur

Georgias Filmorten auf der Spur

Straßburg abseits der Selfie-Spots

Straßburg abseits der Selfie-Spots

Proteste gegen Sicherheitsgesetz für Hongkong

Proteste gegen Sicherheitsgesetz für Hongkong

Meistgelesene Artikel

Simpel und klangschön

Simpel und klangschön

Öffnet die Ohren

Öffnet die Ohren

„Gesundheitsschutz steht über allem“

„Gesundheitsschutz steht über allem“

Auf Augenhöhe

Auf Augenhöhe

Kommentare