Hehemann und Vogel stellen aus

„chi sa chi sa chi sa“ im Vorwerk: Irrgarten im Kopf

+
Durch den Tunnel zum Huhn: Simon Hehemann und Stefan Vogel haben ein Großteil des oberen Stockwerks zubetoniert – oder in einen Tunnel verwandelt.

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Diesen direkten Draht, den die Kunst zum Unbewussten hat, kennt ja jeder. Das nagende Irgendwas im Hinterkopf, das sich vielleicht nicht immer erklären lässt, aber trotzdem unmissverständlich klar macht: selbst dieses abstrakte Bild da hat irgendwas mit mir zu tun.

Diese Verbindung zur Psyche ist mal mehr und mal weniger offensichtlich. Wenn man nun etwa sagt, so ein naturalistisches Gemälde klopft höchstens mal schüchtern an die Tür zum Unbewussten, während der Surrealist sie schwungvoll aufstößt – dann wären Simon Hehemann und Stefan Vogel zwei Künstler, die ein paar Meter neben dieser Tür ein Loch in die Wand sprengen.

Zu Erleben ist das gerade im Syker Vorwerk, wo Hehemanns und Vogels Ausstellung „chi sa chi sa chi sa“ nun zu sehen ist. Wobei das mit dem Sehen so eine Sache ist: Gleich am Eingang geht es in einen Tunnel, über einen seltsam organisch wirkenden Gipsboden. Der niedrige Gang windet sich, wird zwischendurch richtig eng – und mündet in einem Raum, in dem einem grelle Lampen frontal ins Gesicht strahlen. 

Es gibt noch mehr solcher Wege, die Kunstwerke jenseits des halbdurchsichtigen Vorhangs sind nicht immer klar zu erkennen.

Rätselhaft sind auch die Räume selbst: Ein Tipi aus Holz steht da, wie Kinder sie in den Wald bauen und sie zurück lassen. Den Waldboden haben die Künstler gleich mitgebracht, inklusive ein paar Ameisen. Überhaupt die Materialien: Gefundenes, Entdecktes, Verlassenes. Baumschwämme, getrocknete Spaghetti, ein altes Auspuffrohr, ein ausgestopfter Vogel. 

„Sie spielen sich die Bälle zu“

Motive, die heranzitiert werden aus einem Repertoire, in das der Betrachter selbst keinen Einblick hat. Er merkt nur: Dinge beziehen sich aufeinander, kehren wieder, beeinflussen einander – aber warum gerade diese? Keine Ahnung.

Das Geheimnis dieser Verweise dürfte zumindest auch im eingespielten Miteinander dieser beiden Künstler liegen: Simon Hehemann und Stefan Vogel sind Mitte 30 und haben beide bis 2012 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg gelernt – unter anderem übrigens bei Norbert Schwontkowski. Zusammen arbeiten sie aber bereits seit zehn Jahren. „Sie spielen sich die Bälle zu“, sagt Kuratorin Johanna Adam (die sonst an der Bundeskunsthalle in Bonn arbeitet) – und bezögen sich in ihren Arbeiten stets auf gemeinsame Ausstellungen, deren Elemente sie in einem stetigen Prozess weiterentwickeln.

„Sie denken gemeinsam“, sagt Adam, und natürlich klingt das ein bisschen nach Hokuspokus. Stimmen tut es aber vermutlich trotzdem. Anders ist jedenfalls kaum zu erklären, wie sich das obere Stockwerk im Syker Vorwerk über dann ja doch nur drei Wochen Aufbauzeit in ein dermaßen dicht bestücktes Kabinett des Unbewussten verwandeln lässt.

Ordnung, wo keine ist

Bilder wie im Traum, eine Installation, die sehr lässig mit ihren eigenen Grenzen spielt und Kritzeleien an den Wänden, die eine Ordnung behaupten, die keine ist. Da ist ein Schaubild an der Wand skizziert, das die innere Fremde von der äußeren trennt – und beide zusammen noch von der Superfremde. Wieder ist die Anordnung, die innere Logik der Zutaten hier sogar noch kryptischer als die ausgestellten Dinge selbst.

Es ist ein bisschen Geisterbahn für Akademiker, ja, aber doch auch mehr. Erstmal ist der Gang durch die Schau die tatsächlich körperliche Erfahrung eines abstrakten Systems: wenig subtil, aber wirksam. Aber es halt auch nach: in diesem Holztipi etwa liegt ein großer Gipsklumpen, in dem noch der Abdruck eines menschlichen Körpers zu sehen ist. Der Mensch ist fort, genau wie die Luft aus dem geplatzten Reifen, der im nächsten Raum unter der Decke hängt. Diese verlassenen Hüllen erinnern immer wieder das Außen.

Ein Kabinett der Affekte

„Chi sa chi sa chi sa“ ist ein Kabinett der Affekte, aber eben doch nicht hermetisch geschlossen. Diese Kunst will die Welt nicht erklären, sondern erfreulich ergebnisoffen mit Systemen experimentieren. Die Ausstellungen stellt Fragen, auf die sie wirklich noch keine Antwort hat. Und das ist erwartungsgemäß anstrengend – und dabei überraschend erbaulich.

Die wirklich extreme Raumverdichtung hat übrigens noch den Vorteil, dass trotz des umfangreichen Materials freier Platz für eine zweite Ausstellung geblieben ist: Nicole Giese-Kroner, künstlerische Leiterin im Syker Vorwerk, und Johanna Adam haben die sonst wenig präsente Sammlung gesichtet und mit neueren Skulpturen von Louis Niebuhr und Zahlenbildern von Hans-Albert Walter die überraschend harmonische Ausstellung „Kopf und Zahl“ konzipiert. Und die ist mindestens einen Abstecher in die unteren Räume wert.

„Kopf und Zahl“ und „chi sa chi sa chi sa“ sind bis zum 14. Oktober im Syker Vorwerk zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Vom Apple zum Androiden wechseln

Vom Apple zum Androiden wechseln

So baut man einen Mini-Teich im Kübel

So baut man einen Mini-Teich im Kübel

Urlaub machen in den Hotels der Stars

Urlaub machen in den Hotels der Stars

Diese Rabatte bieten Kreuzfahrt-Reedereien für Familien

Diese Rabatte bieten Kreuzfahrt-Reedereien für Familien

Meistgelesene Artikel

Städtische Galerie feiert dreifache Eröffnung

Städtische Galerie feiert dreifache Eröffnung

Robert Packeiser zeigt Einblicke in sein Playmobil-Universum

Robert Packeiser zeigt Einblicke in sein Playmobil-Universum

Erweiterung des Blicks

Erweiterung des Blicks

Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul gestorben

Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul gestorben

Kommentare