„Leinen los!“: 85. „Herbstausstellung“ niedersächsischer Künstler in Hannover

Silberwald und Taubenabwehr

Patricia Lambertus: Anett. Fototapete

Hannover - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Die Schau öffnet mit einem Kommentar zur Seelenlage der Nation. Daniel Wolff hat Taubenabwehrdraht in einen Leuchtkasten gesetzt. Das sieht nach Nadelstichen aus, könnte aber auch als Abwehrmaßnahme verstanden werden. Der Titel allerdings ist eindeutig: „Innere Beschissenheit“ heißt das Werk.

Wolff kommt mit seinem Opus der vornehmen Aufgabe der Kunst nach, den Finger in Wunden zu legen oder verborgene Schmerzen zu erhellen. Der Kunst selbst aber scheint es äußerlich zumindest alles andere als „beschissen“ zu gehen, sieht man sich das Umfeld an, in dem Wolff auftritt. „Herbstausstellung niedersächsischer Künstler“ heißt das Projekt, das seit 1907 das Kunstschaffen der Region vorstellt, Bremen eingeschlossen. Und die diesjährige 85. Ausgabe unter dem Titel „Leinen los!“ ist größer und ausgreifender als alle ihre Vorgängerinnen.

68 künstlerische „Positionen“, wie es im Jargon des Zeitgenössischen heißt, mit gut 100 Arbeiten haben noch bis zum 15. August an fünf Ausstellungsorten ein Forum: im Kunstverein, der federführend ist und Wolffs Taubenkasten als Opener vorhält, in der NORD/LB art gallery, der Städtischen Galerie KUBUS, der Galerie vom Glück und Zufall und im Kunstverein Langenhagen. Mehrere Generationen sind vertreten, vom Jahrgang 1935 bis zum 1985er. Etablierte Künstler wie Timm Ulrichs oder Christiane Möbus finden sich im Kunstverein neben einem Film der jungen Anahita Razmi (*1981). Die Stipendiatin des Preises des Kunstvereins dekonstruiert Filmszenen von Überfällen, bis die Handlung in immer neuen Fügungen in einem frei schwebenden Monolog verendet.

Vorgemacht hat den Neuschnitt von Genre-Szenen Christoph Girardet (*1969 in Langenhagen), Träger des diesjährigen Kunstpreises der Sparkasse Hannover. Seine Projektion „Silberwald“ geht mit dem Heimatfilm der 50er Jahre schwer ins Gericht. Das liest sich in der instruktiven Broschüre zur Landesbildkunstinventur so: „Szenen dieser überinszenierten Unversehrtheit, die Girardet als ,pathologische Ungeheuer‘ bezeichnet, kulminieren in ,Silberwald‘ zu einem hart geschnittenen Delirium der Idylle.“

Nachdem jüngst reichlich national Bedeutsames aus Niedersachsen in den Fokus gerückt ist, könnte ja vielleicht auch die Kunst des Landes überregional Beachtung finden. Verdient hätte sie es. Wer angesichts der Fülle auch das Einzelne noch zu beachten weiß, wird eine Menge Qualität in allen Medien finden. Die Jury hat gut gearbeitet. Der Besucher wird auch registrieren, dass die Kunsthochschulen in Braunschweig und Bremen vielversprechenden Nachwuchs in den Markt entlassen. Und an den Biografien wird erkennbar, dass ein beachtliches Fördersystem am Weg steht. Nach dem Ablegen helfen Netze und Netzwerke. „Leinen los!“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut
Jugend ohne Tugend: Punk in der DDR

Jugend ohne Tugend: Punk in der DDR

Jugend ohne Tugend: Punk in der DDR
Raus aus der Sackgasse, rein in die Nacht

Raus aus der Sackgasse, rein in die Nacht

Raus aus der Sackgasse, rein in die Nacht
Tödliches Kribbeln im Bauch

Tödliches Kribbeln im Bauch

Tödliches Kribbeln im Bauch

Kommentare