Friedrich Hebbels „Nibelungen“ am Theater Bremen: Herbert Fritsch blättert im Comic-Heft und findet hirnlose Helden

Siegfried? „Braooom!“

Da lebt er noch: Siegfried (Timo Lampka, l.) lauscht den Worten seines späteren Mörders Hagen von Tronje (Christoph Rinke).

Von Johannes BruggaierBREMEN · Das Brautpaar kommt: Was für eine Freude! „Jaaaaa!“, ruft das Ritterpärchen Giselher (Maike Jüttendonk) und Gerenot (Simon Jensen) vom imaginären Burgturm herab. „Jaaaa!“. „Juhuuu!“. „Ja, ja, ja! Yes! Yes! Yes!“ Eine Minute, zwei Minuten, immer weiter. So lange, bis auch andere mitschreien. Keine kleinen Ritter in lächerlichen Kettenhemden, sondern Bremer Theaterbesucher in Nadelstreifen: „Aufhören!“, „Unverschämtheit!“ Was die beiden Nervensägen da oben natürlich nur noch länger rufen lässt.

Eine „Unverschämtheit“ sind diese „Nibelungen“ in der Tat. Eine Zumutung und Frechheit überdies, ein anstrengendes Ärgernis, eine auf Krawall gebürstete Provokation. Alles in allem also: großartiges Theater – mit Einschränkungen.

Vom „ersten Comic der deutschen Literaturgeschichte“ hatte Regisseur Herbert Fritsch vor der Premiere gesprochen. Davon, dass er sich beim Lesen an „Superman“, „Batman“ und „Raumschiff Enterprise“ erinnert fühle. Es hätte nicht wirklich dieser Klarstellung bedurft. Hebbels „Nibelungen“, das ist in Bremen von der ersten bis zur letzten Minute ein knalliger Comic strip. Nichts für schwache Nerven: laut, schrill, jede Figur eine Karikatur ihrer selbst, politische Inkorrektheiten inbegriffen.

König Etzel etwa, der gefürchtete wilde Hunnenkönig (Komi Togbonou): Bei Fritsch kommt er aus Afrika, trägt Rastalocken und lässt seine Gegner gerne mal im Kochtopf schmoren. Hagen von Tronje (Christoph Rinke), der kühle Machtpolitiker am Hofe Gunthers: ein Batman-Verschnitt mit betont tuntenhaftem Auftritt. Und natürlich: Siegfried (Timo Lampka), ein Superheld, der golden glänzende Muskelberge sein Eigen nennt. Mit wehendem Umhang fliegt er auf die leergeräumte Bühne, akustisch begleitet von wohlbekannten Zeichentrick effekten. „Wuuusch!“, „Braooom!“: Siegfried wirft, Siegfried schlägt, Siegfried kämpft. Nur wenn Siegfried denkt, tut sich nichts. Ein Held ohne Hirn.

Während hinten grafische Animationen über eine Leinwand flackern, knabbert vorne der kindsköpfige König Gunther (Jan Byl mit Pappkrone und rotem Rauschemantel) im Angesicht des goldbraunen Muskelpakets verzagt an seinen Fingernägeln, zwischendurch angstvoll augenrollend den Mund aufreißend. Dann besinnt er sich, verspricht dem mit Drachenblut gestählten Recken seine Schwester Kriemhild zur Frau, sobald dieser ihm nur das sagenumwobene Teufelsweib Brunhild erobert. „Brunhild!“, schreit der König mit pathosgetränkter Stimme ins Publikum: „Brunhild wird die Königin von Burgund!“ Da ist es plötzlich die höfische Gesellschaft, die erschrocken an den Nägeln kaut und Grimassen schneidet. Die Bestie aus dem fernen Island zur Königin? „Oh nein!“

Brunhild (Franziska Schubert) erweist sich als eine Art Gundel Gaukeley des hohen Nordens, schnattert in Nina-Hagen-Manier wirres Zeug und erscheint in ihrer Zickigkeit insgesamt so begehrenswert wie ein Handschrubber mit Borsten aus Edelstahl. Siegfried kann das freilich nicht schrecken, sodass sein Auftraggeber Gunther – „Ja, ja, ja! Yes, yes, yes!“ – inklusive Braut ins heimische Burgund zurückkehren darf. Dort wartet ein herrlich süßes Blondchen namens Kriemhild (Varia Linnéa Sjöström) schmachtend auf ihren künftigen Göttergatten.

Wenn das Blondchen schließlich mit eifersüchtig keifender Stimme die Kratzbürste beleidigt, wenn diese wiederum ihrem Waschlappen von Ehemann die Ermordung seines besten Kämpfers befiehlt und wenn am Ende diese ganze schräge Truppe zu dröhnenden Beats über die Bühne tanzt, fünf Minuten, zehn Minuten und („Aufhören!“, „Unverschämtheit!“) noch mal doppelt so lange, doppelt so laut: Dann findet das seine inhaltliche Begründung im beißend ironischen Kommentar zur penetrant allgegenwärtigen Medien-Verkitschung von Heldenmythen und Traumhochzeiten diverser Königshäuser.

Es gibt anspruchsvollere Aufgaben für Schauspieler als eine Rolle auf ihr Klischee zu reduzieren. So gefällt sich Franziska Schubert in wunderbar schräger Verrücktheit, und Timo Lampka überzeugt als fleischgewordener Plastik-Superman. Großartig ist Varia Linnéa Sjöström, die hinter dem Klischee des augenklimpernden Heimchens zwischenzeitlich tatsächlich so etwas wie Tragik durchschimmern lässt.

Und doch bleibt bei aller konsequenten Bühnenästhetik ein kulturelles Unbehagen. Entpuppt sich doch der Mythos Nibelungen in dieser fragmentarischen Deutung als zwar unterhaltsamer zugleich aber auch reichlich schlichter Plot, sein Menschenbild allzu widerspruchsfrei. Das kommt davon, wenn man glaubt, ihn als Comic lesen zu müssen? Vielleicht. Dass sich diese Lesart aber geradezu aufdrängt – versuchen Sie das mal mit „König Ödipus“ –, lässt an dem vermeintlich unantastbaren Nationalmythos zweifeln.

Weitere Vorstellungen: am 27. und 29. Januar, jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Goetheplatz.

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