Jazzahead bietet mit mehr als 100 Konzerten an vier Tagen breite Spanne

Siegeszug der Vielfalt

Håkon Aase (l.) und Matthias Eick beim Galakonzert der Jazzahead. Foto: Heyne

Bremen - Von Ulla Heyne. Vier Tage Jazzahead, eine dreistellige Zahl an Konzerten, und am Ende die unausweichliche Frage: Wie war‘s? Sie zu beantworten, dürfte so schwer sein wie jedes Jahr. Die Fülle paralleler Gigs verlangt Entscheidungen: German Jazz Expo oder Messebummel? European Jazz Meeting oder Galakonzert? Showcases bei der Overseas Night oder doch die Clubnight? Am Ende haben unter den mehreren Tausend Besuchern wohl keine zwei dieselben Konzerte erlebt.

Hatten wir an dieser Stelle am Samstag noch eine Dominanz der Geige festgestellt, brachte das weitere Programm angesichts außergewöhnlicher Klangerfahrungen wie der wagemutigen Flat Earth Society oder MDC III, wo jede Menge bunter Nebelschwaden das Experiment mit Saxofon, Loops und zwei Drummern komplettieren, die angedachte Überschrift „Siegeszug der Bläser“ ins Wanken. Zumindest beim Galakonzert in der Glocke von ECM-Gewächs Matthias Eick stimmt aber beides.

Fließende Melodien und Klangteppiche im für das Label typischen Sound, ein leichter Groove und eine wunderbare Symbiose aus sensibel geblasener Trompete und einer Geige, die sich schwirrend darüber setzt, sowie Improvisationen, die immer wieder zur Melodie zurückkehren: Dieses Erfolgsrezept überzeugt. Wenn Eick seine Stimme am Mischpult verfremdet und wie ein Instrument einsetzt, erinnert das an die Hymnik von Pedro Aznar in der Pat Metheny Group der späten 80er.

Vokal geht es im zweiten Teil des Doppelkonzerts mit der Folkband Trail of Souls und Blues-Sängerin Solveig Slettahjell zu. Wer sich auf die von Festival-Begründer Uli Beckerhof angekündigte Avantgarde gefreut hat, wird enttäuscht: Bis auf die Klammer des ersten und letzten Songs bietet die stimmlich durchaus versierte Blues-Sängerin eher Bodenständiges. Diese musikalisch souverän präsentierte Verflachung lässt sich auch von zunehmender Dezibelstärke nicht aufhalten. So viel Massentauglichkeit mag sich unter freiem Himmel auf dem Domshof bei Beady Belle am Samstag gut ausnehmen – für das Aushängeschild „Galakonzert“ hätte man sich etwas weniger Beliebigkeit gewünscht. Das Publikum quittiert es mit sich lichtenden Reihen.

Bei der Clubnight am Samstag wissen Kenner bereits, in welche Richtung die Reise an den unterschiedlichen Standorten geht: gediegen-lyrisch mit dem formidablen Österreichern Prim in klassischer Triobesetzung in der Weserburg, schweißtreibend-funkig im Lagerhaus, wo die französische Formation Lehmanns Brothers mit funkigen Riffs und fetten Bläsereinwürfen die T-Shirts an den Leibern kleben lässt, spielfreudig und lebensfroh gleich gegenüber auf der anderen Weserseite, wo mit OK:KO der Karton zum dritten Mal fest in der Hand des ehemaligen Partnerlands Finnland ist, oder sphärisch-experimentell mit Pianistin Johanna Borchert in Triobesetzung in der Kulturkirche. Und auch die Lindy-Hopper haben mit der Swingband The Stomping Sugar Group im Alten Fundamt eine neue Heimat gefunden, um 30er-Jahre-Kostüme und Tanzschritte zum Klarinettensound auf die Tanzfläche zu bringen.

Parallel zur Clubnight lohnt auch am Samstagabend ein Besuch im Bermudadreieck zwischen Messehalle 7.1, 7.2 und Schlachthof: Echte Schätze lassen sich dort beim aserbaidschanischen Isfar Sarabski Quartet entdecken, das im Geiste des legendären Pianisten Vaqif Mustafazade Tschaikowskys Schwanensee ins 21. Jahrhundert hebt, oder auch bei Botticelli Baby: Deren Albumtitel „Junk“ hat Konzept, bietet die explosive Mischung aus Jazz und Punk, die später auch in intimeren Rahmen im Universum zu erleben ist, doch eine Frischekur in Sachen Spielfreude, die unbekümmert Balkan-Jazz, 30er-Jahre-Remineszenzen und Punk vermischt. Und irgendwann gegen ein Uhr nachts fällt auch das Fazit nicht mehr schwer: Wie immer bunt.

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