INTERVIEW Komponist Helge Burggrabe über die Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek

„Sie war immer umgeben von Musik“

Helge Burggrabe
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Helge Burggrabe

Fischerhude – Sie wurde gerade einmal 22 Jahre alt. Und musste sterben, weil sie gegen den Nationalsozialismus kämpfte: Die gebürtige Bremerin Cato Bontjes van Beek wurde am 18. Januar 1943 vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen „Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt, am 5. August 1943 wurde sie mit der Guillotine hingerichtet. Als Tochter der Tänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek und des Keramikers Jan Bontjes van Beek wuchs Cato in Fischerhude auf, besuchte von 1929 bis 1933 die Deutsche Schule in Amsterdam, und lebte ab 1940 bei ihrem Vater in Berlin. Am 14. November 1920 wurde Bontjes van Beek in Bremen geboren. Der Komponist Helge Burggrabe aus Fischerhude hat zu ihrem 100. Geburtstag eine Gedenksendung für den Deutschlandfunk initiiert und ein Konzert eingespielt, das ab Samstag, 19 Uhr im Internet zu sehen ist. Was ihn dazu inspiriert hat, hat uns Burggrabe im Interview erklärt.

Herr Burggrabe, was hat Sie so an Cato Bontjes van Beek fasziniert, dass Sie ein großes Projekt zu ihrem 100. Geburtstag auf die Beine gestellt haben?

Ich bearbeite mit meinen Projekten auch immer inhaltliche Themen, die mich selbst bewegen und die auch im gesellschaftlichen Sinne relevant sind. Und da ist Cato eine spannende Persönlichkeit, die uns auch heute viel zu sagen hat.

Warum ist sie für Sie als Musiker interessant?

Als ich mich näher mit ihr beschäftigt habe, hat mich begeistert, dass Musik in ihrem Leben eine sehr zentrale Rolle gespielt hat. Sie hat zum Beispiel einmal gesagt: „Es ist doch herrlich, dass diese göttlichen Dinge uns allen gehören und dass ein sterblicher Mensch sie zu schaffen vermochte. Wenn man so etwas hört, weiß man, dass es kein eigentliches Sterben gibt, und das Herz weitet sich vor unendlicher Menschheitsliebe.“ Das schrieb sie, als sie schon zum Tode verurteilt war, über die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Da merkt man, dass ihr die Musik sehr viel bedeutet hat. Sie war immer umgeben von klassischer Musik, liebte aber auch Schlager, und da hab ich bemerkt, dass man für sie wunderbar etwas vertonen kann.

Gibt es in ihrem Nachlass denn so viele konkrete Hinweise auf Musik?

Da bin ich dankbar, dass ich sozusagen direkt an der Quelle gelandet bin. Saskia Bontjes van Beek, die Nichte von Cato, wohnt in dem Haus, in dem Cato aufgewachsen ist und hat mir alles zur Verfügung gestellt, was ich brauchte und mir auch gezielt die musikalischen Verweise in ihren Briefen herausgesucht. Da tauchen auch Schlager wie „Isn’t it Romantic“ oder „Bei mir bist du schön“ auf. Für die Radiosendung habe ich die Originalzitate verwendet, und für den Konzertfilm hab ich beispielsweise einen Chorsatz aus der Matthäuspassion bearbeitet oder auch neue Stücke komponiert. Und das Ensemble Sjaella aus Leipzig, ein Frauensextett hat das umgesetzt.

Wie sind Sie bei den neuen Kompositionen vorgegangen?

Es gibt zum Beispiel den markanten Satz von Cato: „Ihr redet alle, doch keiner tut etwas“. Das habe ich vertont. Ein anderer Satz ist: „Leben will ich, leben, leben“, was auch der Titel der Sendung im Deutschlandfunk geworden ist. Und dieser unbedingte Lebenswille, der sich durch ihr Leben zieht, war so intensiv. Das habe ich auch vertont. Außerdem habe ich noch einige ihrer Lieblingsgedichte kennengelernt, darunter ein wunderschönes Naturgedicht von Percy B. Shelley, einem Dichter des 19. Jahrhunderts. Das bringt ihre Verankerung in der Landschaft um Fischerhude wunderbar auf den Punkt, die als Sehnsuchtsort in ihren Gefängnisbriefen immer wieder auftaucht. Mein Ziel war auch, dass das Ganze nicht nur die Dramatik der letzten Monate thematisiert, sondern auch ihre Lebensbejahung, die essenziell mit ihrer Naturverbundenheit zusammenhängt. Der Konzertfilm beginnt mit diesem Lied, das ein bisschen wie ein nordischer Folksong klingt.

Wenn man über Heimat spricht, muss man auch darüber reden, wie Catos Heimat später politisch mit ihr umgegangen ist: Catos Mutter hat lange vor Gericht über die Rehabilitierung ihrer Tochter gekämpft. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe, zu der sie gehörte, galten im Nachkriegsdeutschland als Landesverräter, weil sie Geheimnisse an die Sowjetunion weitergegeben hätten.

Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass die Gruppe nur einen, recht banalen Funkspruch an die Sowjetunion geschickt hat.

Cato wäre nicht das einzige Beispiel dafür, dass antifaschistische Widerstandskämpfer in Westdeutschland weit weniger wohlgelitten waren als alte Nazis.

Vor allem, wenn sie den Kommunisten zugeordnet wurden. In der DDR war sie eher respektiert als Widerstandskämpferin, aber in Westdeutschland kam das erst 1990 in Gang. Und eigentlich steht immer noch aus, dass sie im gleichen Maße anerkannt wird wie Sophie Scholl und die Weiße Rose. Wie Sophie Scholl hat Cato illegale Flugblätter verteilt und politisch Verfolgte versteckt.

Immerhin war Bontjes van Beek im Nationalsozialistischen Fliegerkorps. Wie passt das zu ihr?

Cato wollte schon als Kind Pilotin werden. Ihr Bruder hat berichtet, dass sie als Kinder in den Dünen schon ein Flugzeug aus Sand gebaut haben. Als sie 1937 nach Berlin ging, endete ihre Kindheit abrupt. Was sie sich von Berlin erhofft hatte, endete jäh. Aber ihren Traum, Pilotin zu werden, wollte sie unbedingt weiterverfolgen. Das war aber nur in der Frauengruppe des Fliegerkorps möglich. Innerhalb dieser Frauengruppe, die ohnehin völlig ungewöhnlich war, weil Frauen eigentlich keine Pilotinnen werden sollten, hat sie eine Freundin kennengelernt, die auch sehr kritisch war und der sie erzählt hat, dass sie in den Widerstand geht. Das war kein Sinneswandel bei ihr. Sie ist ja in Fischerhude schon in einem ziemlich kritischen Elternhaus aufgewachsen, und das wurde im Dorf auch durchaus kritisch beäugt.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie diese Gedenk-Sendungen produziert haben?

Der Flecken Ottersberg und die Evangelische Kirchengemeinde Fischerhude sowie der Arbeitskreis „AG frauenORT Fischerhude/Achim“, der sich um das Gedenken an Cato kümmert, haben mich beauftragt, ein Konzept zu erarbeiten. Meine Idee war, ein musikalisch-literarisches Konzert mit der Filmschauspielerin Julia Jentsch und vielen Musikern zu organisieren, dass heute stattfinden sollte. Im Juni habe ich dann gemeinsam mit dem Vorbereitungskreis beschlossen, aufgrund der unsicheren Corona-Situation einen Konzertfilm mit kleinerer Besetzung zu planen. Auf der Suche nach einem Partner ergab es sich, dass der Deutschlandfunk Interesse an einer „Langen Nacht“ über Cato hatte. Und so entstand eine Hörfunksendung (um 23.05 Uhr im DLF) und ein Konzertfilm, der im Internet um 19 Uhr unter www.youtube.com/musicainnova ausgestrahlt wird. Unser Projekt ist also viel größer geworden als ursprünglich geplant. Das ist mal eine positive Auswirkung von Corona. Ohne die Krise hätte es ein Konzert gegeben, was natürlich auch schön gewesen wäre. Jetzt erreichen wir viel mehr Menschen.

Hören und Sehen

Konzertfilm „Cato“, heute ab 19 Uhr im Internet unter www.youTube.com/musicainnova;

Radiosendung „Leben will ich, leben, leben“, heute ab 23 Uhr, Deutschlandfunk.

Von Rolf Stein

„Cato hat uns auch heute viel zu sagen“: Julia Jentsch und Christoph Jöde bei den Aufnahmen zur Gedenksendung zum 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin.

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