Erschrecker in Nöten: „Das Gespenst von Canterville“ in Oldenburg

Es hat sich ausgegruselt

Die Familie Otis hat das Schlossgespenst vertrieben – oder doch nicht? - Foto: Stephan Walzl
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Die Familie Otis hat das Schlossgespenst vertrieben – oder doch nicht? 

Oldenburg - Von Rolf Stein. Ein Zusammenprall der Kulturen: Reicht man dem Butler die Hand? Verneigt man sich voreinander oder ist das einer Seite vorbehalten? Dass das in der Praxis auch mal schmerzhaft sein kann, liegt auf der Hand. Jedenfalls geraten Mrs Otis und der treue Butler in der neuen Oldenburger Fassung der Geschichte beim ersten Zusammentreffen ganz buchstäblich mit den Köpfen aneinander. Man tut dem „Gespenst von Canterville“ dabei ganz und gar nicht unrecht, will man mehr darin sehen als eine ergötzliche Gruselgeschichte.

Oscar Wilde war schließlich nicht nur ein begnadeter Aphoristiker, ein glänzender Erzähler und, unseretwegen, auch noch ein formidables Enfant terrible. Er befasste sich zudem intensiv mit Politik, bezeichnete sich gar als Anarchisten. Dass sein „Gespenst von Canterville“ deshalb durchaus auch als gesellschaftskritischer Kommentar gelesen werden kann, ist klar. 

Ein Gespenst wird vertrieben

Die Erzählung handelt von einem Schlossgespenst, das schließlich von den Eigentümern seines zuvor 400 Jahre lang ungestört begruselten Domizils vertrieben wird. Die Neuen, das sind Amerikaner – so gnadenlos materialistisch, dass sie wider allen Anschein nicht an so etwas wie einen Geist glauben wollen. Für das Gespenst ein echtes Dilemma: Nicht nur, dass es sich trotz Aufwendung all seiner Spukkünste verspotten lassen muss. Denn auch seine Errettung ist nicht denkbar, wenn es nicht als das anerkannt wird, was es ist: eine verdammte Seele.

Zum Glück gibt es da aber noch eine dritte Partei: Virginia, die Tochter der Familie Otis, die das Schloss Canterville in Schottland gekauft hat. Virginia ist gerade in so einer Phase, in der sie sich vor allem für Jenseitiges interessiert. In Oldenburg, wo „Das Gespenst von Canterville“ am Samstag Premiere feierte, im Cosplay-Stil kostümiert, kommt sie sehr heutig daher. Ihre Opposition gegen die Eltern schillert somit zwischen einer Lifestyle-Abgewandtheit und einer tieferen spirituellen Sinnkrise, die sie schließlich in die Lage versetzt, die verdammte Seele zu retten.

Slapstick-Feuerwerk

Den Gegensatz zwischen amerikanischem Way of Life und alteuropäischem Aberglauben hat Ekat Cordes am Staatstheater für seine Inszenierung rasant zugespitzt, wofür er ein gut getimetes Slapstick-Feuerwerk zündet, das von einem komplexen Sound- und Lichtgewitter flankiert wird, das die hübsch surrealistischen Schlossmauern (Bühne und Kostüme: Anike Sedello) in immer neue Farben taucht. Das Ensemble hält den Takt dabei erfreulich sicher: Thomas Birklein und Caroline Nagel als Butlerpärchen, Leander Lichti und Nientje C. Schwabe als Ehepaar Otis, dessen Zwillinge (Janine Brandsch und Tom Ohnerast), Diana Ebert als Virginia, Matthias Kleinert als Schlossgespenst und Yassin Trabelsi als stotternder junger Lord von nebenan erweisen sich hier als exzellente Komödianten.

Cordes hat die nun ja immerhin deutlich mehr als 100 Jahre alte Geschichte in die Gegenwart geholt und spielt dabei immer wieder auf neuere und neue Popkultur („Ghostbusters“, „Shining“, Manga) an, was, ein bisschen wie bei den Muppets, auch für ältere Zuschauer immer wieder mal Lacher abwirft.

Als Schlusspointe beschert Cordes uns noch eine Gruselshow, mit der der geschäftstüchtige Herr Otis seinen Schlosskauf kommerziell verwerten möchte. Womit Wildes Spott über den amerikanischen Idealismus eine etwas wohlfeile Krone aufgesetzt wird. Denn natürlich sitzt Cordes‘ Inszenierung mit ihrem Budenzauber in dieser Hinsicht durchaus im sprichwörtlichen Glashaus. Davon abgesehen ist dieses „Gespenst von Canterville“ aber durchaus ein rasantes Vergnügen.

Weitere Termine: Mittwoch um 11 Uhr, Samstag um 15 und 18 Uhr sowie am Sonntag um 12 und 18 Uhr, Großes Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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