„Shockheaded Peter“ am Schauspiel Hannover zieht die supergrellen Effekte ohne Wimpernzucken durch

Schnipp, schnapp sind die Finger ab

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Langsam aber sicher verblutet der Daumenlutscher. Zu Recht, denn er hat böses getan, und böse Kinder können gleich ihr Testament machen

Hannover - Von Jörg Worat. Auf den Straßen paradieren viele geschminkte und maskierte Gestalten. Und auch im Schauspielhaus Hannover sind die Monster los: Kaum vorstellbar, dass es eine Premiere gibt, die besser zu Halloween passt als „Shockheaded Peter“. - Von Jörg Worat.

Das ist im Prinzip der „Struwwelpeter“, erfunden vom Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann als Geschenk für den kleinen Sohn zu Weihnachten 1844. Darin treten viele unartige Kinder auf, die zu Tode oder wenigstens zu Schaden kommen. Und in der „Junk-Opera“ von Julian Crouch und Phelim McDermott gibt es gar keine Überlebenden mehr: Der Daumenlutscher verblutet, der Zappelphilipp bohrt sich das Besteck in den Leib – wer nicht brav ist, kann hier gleich sein Testament machen.

Regisseur Erik Ulfsby, in seiner norwegischen Heimat mit diesem Stoff sehr erfolgreich, siedelt das Mordsspektakel im Zirkus an. Darüber kann man streiten, gerade weil es so naheliegend ist – immerhin rechtfertigt das den Auftritt eines fahrbaren Riesenelefanten, den zu Beginn Hagen Oechel als durchgeknallter Zeremonienmeister reitet. Überhaupt zieht die Inszenierung das Prinzip des supergrellen Effekts ohne Wimpernzucken durch. Und wenn das irgendwo passt, dann hier.

Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer, beide Geschlechter spielen Katzen, Bilder oder Uhren. Das reichlich fließende Blut wird in Form roter Tücher aus den Körpern gezubbelt, was angenehm blöd wirkt. Wie so vieles an diesem Abend – wenn etwa Sarah Franke laut kreischend den Storch gibt, können schon Gedanken aufflackern, ob die Darstellerin vielleicht wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

Hans Guck-in-die-Luft wandert im Schattenspiel schnurstracks Richtung Hölle, der Fliegende Robert segelt unter dem Bühnenhimmel davon, Paulinchen kokelt sich erst die Ärmel an und haucht dann hinter einer Flammenfontäne ihr Leben aus – die Überreste werden vom Zeremonienmeister per Akkusauger beseitigt. Es gibt aber auch leisere Töne, vor allem in der Rahmenhandlung mit dem Paar, das ein missgestaltetes Kind, eben einen „Struwwelpeter“, bekommen hat.

Als ganz großer Pluspunkt erweist sich die Musik, ursprünglich aus der Feder der schrägen Band „Tiger Lillies“. Das ist eine merkwürdige Mischung aus Bänkelliedern, Volksweisen und Popsongs, hervorragend interpretiert von den hannoverschen Live-Instrumentalisten; zudem ist mit Günther Harder ein Darsteller am Start, der richtig gut singen kann. Nein, langweilig ist diese Vorstellung bestimmt nicht und in ihrer Überdrehtheit gewiss konsequent. Geschmackssache allerdings, ob es nicht doch zu sehr Richtung Albernheitsgrenze driftet, wenn die Akteure anfangs und am Ende zur putzigen Kinderschar mutieren.

Das Publikum geizt nicht mit Szenenapplaus, verleiht dem Schlussbeifall kurzfristig schon fast einen leicht hysterischen Touch. Und eines ist gar nicht zu leugnen: Auf der Bühne hat man alles gegeben, wie auch beim Spendenaufruf für die Flüchtlingshilfe deutlich wird, der inzwischen schon traditionell der Einladung zur Premierenfeier vorausgeht – die Darstellerin ist derart außer Puste, dass sie die Worte nur mühsam artikulieren kann.

Weitere Vorstellungen: morgen, 7. und 18. November, jeweils um 19.30 Uhr.

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