Bremer Ensemble baut „The Tempest“ zur Trilogie aus und sucht nach Alternativen zum Kapitalismus

Mit der shakespeare company wacker in die Zukunft stürmen

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Es geht um die „neue Welt“, aber Amerika ist aus dem Spiel. Denn nicht in seiner historischen Bedeutung will die bremer shakespeare company diesen Begriff verstehen, sondern in seiner literarischen.

Aldous Huxley hatte 1932 in seinem Roman „Schöne neue Welt“ einen Ausblick in die Zukunft riskiert. Was er sah, war eine Schönheit der irritierenden Sorte: eine Gesellschaft, die unter Zurhilfenahme von Drogen den lästigen Drang zum Hinterfragen und Kritisieren besiegt, in der Folge friedlich-dümmlich dahindämmernd das unbeschwerte Leben genießt.

Das Ensemble am Bremer Leibnizplatz hat den Titelbezug zu Shakespeares „Sturm“ (Zitat aus dem fünften Akt: „Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“) zum Anlass genommen, selbst in die Glaskugel zu blicken. Anders als Huxley offenbart sich den Schauspielern darin zunächst einmal ein denkbar profanes Szenario. Ab kommendem Frühjahr nämlich rücken die Bagger an, um das Haus zu sanieren. Vielleicht deshalb hat man sich bei der Mottofindung für die als überholt geltende, aber deutlich rustikalere Schlegel-Version des „Sturm“-Zitats entschieden: nicht schöne, sondern „wackre“ neue Welt.

Konkretere Utopien sind dem Programmheft zur neuen Spielzeit nicht zu entnehmen. Immerhin will sich Regisseur Sebastian Kautz in „Timon aus Athen“ (Premiere am 14. Oktober) auf die Suche nach einer Alternative zum allseits kritisierten Kapitalismus begeben.

Weniger in die Zukunft gerichtet als vergangenen Medienformaten verhaftet scheint Thomas Weber-Schallauers Regiekonzept für „Verlorene Liebesmüh“ zu sein. Shakespeares „literarischste Komödie“ versteht er laut Ankündigung als „elisabethanische Container-Show“, in der sich vier Kandidaten einem Härtetest unterziehen. Premiere: im April kommenden Jahres.

Hauptprojekt der neuen Saison soll aber dem Titel gemäß „The Tempest“ werden; „Der Sturm“. Die Bremer haben das Drama zu einer Trilogie ausgedehnt, deren ersten Teil sie unter dem Titel „Caliban“ am 26. November vorstellen. Regisseur Lee Beagley hat den Sturm-Stoff zu einer Neuzeit-Robinsonade umgeformt. Das Ergebnis will in erster Linie Kindern und Jugendlichen von acht bis 13 Jahren gefallen, „interessierte Erwachsene“ sind gleichwohl willkommen.

Einem „berauschenden Cabaret-Cocktail“, gemixt aus allerlei „Sturm“-Motiven (Premiere im Februar 2011), folgt – gleichfalls unter der Regie von Lee Beagley – das Original: zehn Juli-Vorstellungen im Bürgerpark. Wobei auch in dieser letzten Folge ein freizügiger Umgang mit dem Dramentext zu erwarten ist, kündigt doch die Company den Klassiker als „multiartistisches Open-Air-Spektakel mit Musik und Theatermagie“ an. Die Welt mag sich wacker erneuern: Auf die Beständigkeit der company-eigenen Bühnenästhetik bleibt Verlass.

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